!Solarmodule auf einem Ziegeldach

Am 5. September 2024 eröffnete ein Nutzer namens jiquem im GitHub-Repository von Home Assistant ein Issue mit dem Titel „Negative untracked electricity usage". Sein Haus hängt an einem französischen Linky-Zähler, die Daten kommen per Lixee-Adapter, die Steckdosen melden ihren Verbrauch selbst. Trotzdem zeigte sein Energie-Dashboard etwas, das physikalisch nicht vorkommt: negativen Verbrauch, den keiner der Messpunkte erklären konnte. „Ich erzeuge keinen Strom, also ist das unmöglich", schrieb er.

Das Issue wurde zum Sammelbecken. Am 20. Juni 2026 wurde es mit dem Status „completed" geschlossen, nach 101 Kommentaren. Darin steht fast alles, was beim Einrichten des Energie-Dashboards schiefgehen kann. Einer hat die Leistung seines Wäschetrockners in Powercalc zu hoch geschätzt, die Summe rutscht seitdem bei jedem Trocknen ins Minus. Ein anderer hatte seinen Batteriespeicher zusätzlich als Einzelgerät eingetragen und damit doppelt gezählt. Und im April 2026 meldete sich jemand mit Enphase-Wechselrichter und Rainforest-Eagle-Gateway, bei dem das Dashboard für eine einzige Nachtstunde 68.320,28 kWh Einspeisung auswies. Die Enphase-App zeigte erwartungsgemäß null.

Dieser Artikel geht den Weg andersherum. Zuerst die Grundlagen, die das Dashboard voraussetzt, dann Netz, Solar, Speicher und Einzelgeräte, dann der Strompreis, am Ende die Fehler und ihre Reparatur. Stand ist der 20. Oktober 2026, die Quelle ist vor allem die offizielle Doku unter home-assistant.io/docs/energy/ samt Release-Notes.

Was das Dashboard wirklich braucht

Das Energie-Dashboard rechnet nicht mit dem, was Sie in der Entitätenliste sehen, sondern mit Statistiken. Die Doku zum Sensor-Typ beschreibt den Mechanismus: Alle fünf Minuten speichert Home Assistant Kurzzeitstatistiken, die standardmäßig nach 10 Tagen gelöscht werden. Jede Stunde entsteht eine Langzeitstatistik, die nie automatisch verschwindet. Das Dashboard liest diese Langzeitwerte.

Daraus folgen zwei Dinge. Erstens erscheint ein frisch eingerichteter Sensor nicht sofort im Diagramm. Die erste Stunde muss erst abgeschlossen sein, bevor ein Balken auftaucht. Wer nach zehn Minuten ein leeres Dashboard sieht, hat nichts falsch gemacht. Zweitens wird nur aufgezeichnet, was der Recorder aufzeichnet. Schließen Sie einen Sensor per exclude aus dem Recorder aus, kann er im Dashboard nicht auftauchen. Die Doku nennt genau das als ersten Prüfpunkt, wenn ein Sensor im Auswahlfeld fehlt.

Die Attribute, die ein Sensor mitbringen muss, listet die FAQ der Doku auf:

  • Energie: device_class: energy mit state_class: total oder total_increasing, in einer unterstützten Einheit wie Wh, kWh oder MWh.
  • Leistung: device_class: power mit state_class: measurement, in W oder kW.
  • Batterieladestand: device_class: battery, state_class: measurement, Einheit %.
  • Gas und Wasser: device_class: gas beziehungsweise water mit total oder total_increasing.
total_increasing ist der Normalfall für einen Stromzähler: ein Wert, der nur steigt, außer wenn er zurückgesetzt wird. total passt für Werte, die auch sinken dürfen, etwa die Energiebilanz eines Heimspeichers. Außerdem muss die Entität ein sensor sein. Ein input_number geht nicht, daraus bauen Sie zuerst einen Template-Sensor. Fehlt ein Attribut, ist laut Doku die richtige Adresse ein Issue bei der Integration, die den Sensor liefert.

Wer eigene Sensoren über MQTT oder Template baut, muss device_class, state_class und unit_of_measurement selbst setzen. Das steht ausdrücklich in der Netz-Doku, und es ist der häufigste Grund, warum ein selbstgebauter Sensor im Dropdown fehlt.

Schritt 1: Netzbezug und Einspeisung

Der Weg führt über Einstellungen, Dashboards, Energie. Unter „Stromnetz" wählen Sie „Netzanschluss hinzufügen", dann die Statistik für den bezogenen Strom und, falls vorhanden, die für die Einspeisung. Nur kompatible Sensoren werden angeboten.

Die Frage ist, woher diese Sensoren kommen. Die Doku zählt die Wege auf, und für Deutschland sind vier relevant:

  • SML am Zähler. Die Doku nennt den SML-Support von ESPHome und, für MQTT-Fans, sml2mqtt. Wie der Lesekopf am Zähler sitzt und was er liefern kann, steht in unserem Artikel zum IR-Lesekopf für Home Assistant.
  • Smart Meter Gateway. Wer einen intelligenten Zähler mit Gateway hat, liest die Werte über dessen Schnittstelle. Details im Beitrag Smart Meter Gateway in Home Assistant.
  • Tibber Pulse. Die Bridge liest den Zähler optisch und kann ihre Daten lokal bereitstellen, wie Tibber Pulse lokal per MQTT zeigt.
  • Stromklemmen. Als Standardlösung für CT-Klemmen nennt die Doku den Shelly EM. Für dreiphasige Hausanschlüsse greift man in der Praxis zum Shelly 3EM, das ist meine Einschätzung, nicht die der Doku. Die Klemmen sitzen im Sicherungskasten, und die Doku warnt ausdrücklich, dass dafür Fachwissen und je nach Region ein Elektriker nötig ist.
Welche Methode wann sinnvoll ist, vergleicht der Überblick Stromverbrauch im Smart Home messen. Für das Dashboard zählt am Ende nur, dass zwei saubere kWh-Zähler dabei herauskommen: Bezug und Einspeisung.

Seit der Version 2025.12 können Sie außerdem Leistungssensoren neben den Energiesensoren konfigurieren. Das Dashboard bekam damit eine „Jetzt"-Ansicht mit Echtzeit-Graphen, die zeigt, was gerade fließt. Mit 2026.2 kam hinzu, dass ein einzelner Leistungssensor mit umgekehrter Vorzeichen-Logik reicht (negativ für Einspeisung), ohne Template-Umweg. Alternativ geben Sie zwei positive Sensoren für Bezug und Einspeisung an. Ob Ihr Zähler die Leistung mit Vorzeichen liefert oder getrennt, entscheidet, welche Variante passt.

Schritt 2: Photovoltaik

Unter „Solarmodule" tragen Sie den Energiezähler des Wechselrichters ein, die erzeugte Gesamtenergie in kWh. Die Doku nennt zwei Quellen: eine CT-Klemme auf der Leitung des Wechselrichters oder direkt die API des Wechselrichters, sofern es eine Integration dafür gibt. Letzteres ist fast immer genauer, weil der Wechselrichter seinen eigenen Ertrag am besten kennt.

Mit der Integration Solar Forecast lässt sich zusätzlich die erwartete Erzeugung einblenden. Wichtig ist, was Sie nicht tun sollten: den Ertrag nicht zusätzlich als Einzelgerät eintragen und nicht über eine Summe aus mehreren Zählern bilden, die zu leicht unterschiedlichen Zeitpunkten zurückspringen. Dazu unten mehr.

Eine Sonderkonstellation beschreibt die FAQ: Hat die PV-Anlage einen eigenen Netzanschluss, der nur zur Einspeisung dient, legen Sie ihn als zweiten Netzanschluss an. Dort bleibt „Energie vom Netz" leer, die Einspeise-Leistung wird auf den Typ „Invertiert" gestellt, weil die meisten Wechselrichter sie positiv melden.

Schritt 3: Heimspeicher

Unter „Batterien" werden zwei Zähler gebraucht: die in den Speicher geladene und die aus ihm entnommene Energie. Viele Hersteller bieten dafür eine API, die Doku nennt als Beispiel die Tesla Powerwall. Wer einen Marstek oder Victron nutzt, findet Wege im Artikel Marstek Venus E lokal per Modbus beziehungsweise bei Victron in Home Assistant.

Seit 2026.6 kann man den Ladestand-Sensor (Prozent) direkt in den Energie-Einstellungen hinterlegen. Der Batterie-Knoten in der Energieverteilungskarte zeigt dann den aktuellen Füllstand. Gleichzeitig lassen sich Netz, Solar, Speicher, Gas und Wasser mit eigenen Namen versehen, also „Hauptzähler" statt „Netzbezug". Mit 2026.8 kann jeder von mehreren Speichern eine Kapazität bekommen, der Gesamt-Ladestand wird dann nach Größe gewichtet, statt dass ein kleiner voller und ein großer leerer Speicher sich zu einem irreführenden Mittelwert verrechnen.

Der Doppelzählungs-Fehler aus dem GitHub-Issue gehört hierher: Der Speicher ist eine eigene Quelle. Wer ihn zusätzlich als Einzelgerät einträgt, bekommt den Verbrauch zweimal, und der „nicht erfasste Verbrauch" kippt ins Minus.

Schritt 4: Einzelgeräte

Einzelgeräte sind der Teil, der Spaß macht und zugleich die meisten Fehler erzeugt. Die Doku nennt Steckdosen mit Messfunktion (Zigbee, Z-Wave oder WLAN) und Schaltaktoren hinter vorhandenen Schaltern. Jedes Gerät, das einen kWh-Zähler liefert, taucht als Balken in der Geräteübersicht auf.

Das Dashboard rechnet dabei eine Größe, die nirgends direkt gemessen wird, den nicht erfassten Verbrauch. Im GitHub-Issue hat ein Maintainer die Formel aus dem Frontend-Code zitiert: Netzbezug plus Solar plus Batterie-Entnahme, minus Einspeisung, minus Batterie-Ladung. Davon werden die Einzelgeräte abgezogen, der Rest ist „untracked". Gerade deshalb muss alles in dieser Rechnung zu derselben Zeit denselben Takt haben. Liefert Ihr Netzanbieter die Daten nur einmal am Tag, steht bis dahin der Gerätesumme nichts gegenüber, und der Rest wird negativ. Genau das berichtete ein Nutzer im Issue: Die Minuswerte entsprachen exakt dem Verbrauch seiner erfassten Geräte, bis die Zählerdaten eintrafen.

Hängt ein Gerät hinter einem anderen, etwa eine Steckdosenleiste an einem gemessenen Stromkreis, kennt die Doku dafür „Upstream-Geräte". Sie legen zuerst alle beteiligten Entitäten als Einzelgeräte an und weisen dann dem untergeordneten Gerät das übergeordnete zu. So wird der Verbrauch nicht doppelt gerechnet. Die Reihenfolge ist wichtig: Als Upstream-Gerät lässt sich nur wählen, was schon in der Liste steht.

Geräte, die nur Watt melden

Viele Geräte kennen keinen Zähler, sondern nur die momentane Leistung in W. Die Doku verweist hier auf die Integration „Integration (Riemann-Summe)". Energie ist das Zeitintegral der Leistung, und Home Assistant nähert es aus den Abtastwerten an. Drei Methoden stehen zur Wahl:

  • Trapez ist die Voreinstellung und die genaueste, wenn der Quellsensor oft aktualisiert.
  • Links unterschätzt, passt aber hervorragend zu rechteckigen Verläufen, also zu Lasten, die schlagartig anspringen und stundenlang konstant bleiben, etwa eine Heizpatrone.
  • Rechts überschätzt und eignet sich nur für dieselben Rechteckfälle.
Als Einheiten stellen Sie Präfix k und Zeit h ein, damit aus W am Ende kWh werden. Mit max_sub_interval lässt sich die Integration auch dann anstoßen, wenn der Quellwert sich lange nicht ändert. Der Wert bleibt nach einem Neustart erhalten.

Wie praktisch das ist, zeigen die Release-Notes zu 2026.8. Dort entfernten die Entwickler den Energiesensor der Ohme-Wallbox, weil er nur eine Schätzung der im Auto gespeicherten Energie lieferte, nicht die tatsächlich geladene, und damit Sprünge im Dashboard verursachte. Die Empfehlung in den Notes: einen Riemann-Helfer auf den Leistungssensor setzen.

Schritt 5: Kosten und Tarife

Beim Netzanschluss fragt das Dashboard, wie die Kosten verfolgt werden sollen. Laut der Oberfläche gibt es drei Möglichkeiten:

  1. Statischer Preis. Eine Zahl in Euro pro kWh. Für einen Festpreisvertrag ist das alles.
  2. Entität mit aktuellem Preis. Ein Sensor liefert den Preis pro kWh, das Dashboard multipliziert ihn mit dem Verbrauch der jeweiligen Stunde. Das ist die richtige Wahl für dynamische Tarife. Für Deutschland gibt es etwa die Integration von Green Planet Energy, die seit 2026.2 stündliche Preise liefert. Welche Tarife sich lohnen, ordnet der Vergleich dynamischer Stromtarife 2026.
  3. Entität mit Gesamtkosten. Ein Sensor, der die aufgelaufenen Kosten selbst führt, zum Beispiel weil der Anbieter sie berechnet.
Für die Einspeisevergütung gibt es dieselben drei Optionen. Wer zwei Tarifstufen hat, also Hoch- und Niedertarif, trennt die Verbrauchsmessung laut FAQ mit der Integration utility_meter in mehrere Tarife.

Typische Fehler und wie Sie sie reparieren

Falsche Einheit: Ein Sensor in W taucht im kWh-Feld nicht auf. Das ist keine Schikane, sondern der Unterschied zwischen Geschwindigkeit und Strecke, wie es die Doku-FAQ nennt. Leistung brauchen Sie als Leistungssensor oder als Riemann-Helfer.

Summensensoren, die nicht gleichzeitig zurückspringen: Addieren Sie zwei utility_meter-Sensoren per Template oder Gruppe, fehlt im Moment des Zurücksetzens kurz die Hälfte, und die Summe zeigt einen falschen Wert, der in der Langzeitstatistik landet. Die Doku rät, jeden kumulativen Sensor einzeln als Quelle einzutragen.

Sprünge und Resets: Ein Zähler, der nach einem Firmware-Update bei null anfängt, ist bei total_increasing unproblematisch, weil Home Assistant einen Rücksprung als Neustart behandelt. Ein Zähler, der kurzzeitig einen absurden Wert meldet, ist es nicht. Solch ein Ausreißer landet in der Statistik und bleibt dort, bis jemand ihn entfernt, wie die 68.320 kWh in einer Nachtstunde aus dem Issue zeigen.

Statistikfehler beheben: Unter Einstellungen, Werkzeuge, Statistiken zeigt Home Assistant pro Entität, ob ein Problem vorliegt. Die Oberfläche kennt unter anderem diese Meldungen: Die Einheit hat sich geändert, die Entität hat keine State Class mehr, wird nicht mehr aufgezeichnet oder hat keinen Zustand. Bei vielen davon gibt es den Knopf „Problem beheben". Für schlechte Messwerte gibt es zwei Werkzeuge: Mit „Summe anpassen" korrigieren Sie einen Wert an einem Zeitpunkt, mit dem Löschen eines Zeitraums entfernen Sie Ausreißer. Gelöschte Statistik lässt sich nicht wiederherstellen, ein Backup vorher ist keine Übertreibung. Wie das geht, steht im Beitrag Backup-Strategie für Home Assistant.

Das Dashboard fehlt in der Seitenleiste: Die Doku nennt eine Ursache: Wurde default_config: aus der configuration.yaml entfernt, fehlen die Integrationen, die das Dashboard braucht.

Eine Empfehlung

Beginnen Sie mit einer einzigen Quelle, dem Netzanschluss. Die Doku selbst empfiehlt das: Man kann mit dem Stromzähler anfangen und alles andere nach und nach ergänzen. Warten Sie einen Tag, schauen Sie sich die Werte an und vergleichen Sie sie mit der Zählerstandsanzeige. Erst wenn die Summe stimmt, kommen PV, Speicher und Einzelgeräte dazu, jeweils einzeln, mit einem Blick auf den nicht erfassten Verbrauch nach jedem Schritt. Dann sehen Sie sofort, welcher Schritt den Minusbetrag verursacht hat.

Das Issue steht öffentlich unter github.com/home-assistant/core/issues/125362. Querlesen lohnt sich auch, wenn Ihr Dashboard längst läuft.