Wenn jemand fragt "welches smarte Thermostat soll ich kaufen", enden die meisten Antworten bei tado oder Homematic IP. Die beiden dominieren den deutschen Markt, sie kosten ähnlich viel, und auf den ersten Blick machen sie dasselbe. Auf den zweiten Blick sind sie für sehr unterschiedliche Menschen gemacht.

Kurze Antwort für alle die keine Zeit haben: tado für unkompliziertes Setup und schöne App, Homematic IP für Flexibilität, lokale Kontrolle und kein Abo. Alles andere hängt von deiner Situation ab.


Was beide Systeme grundlegend unterscheidet

tado ist ein Komfort-Produkt. Schickes Design, intuitive App, Onboarding in 15 Minuten. Das System ist Cloud-basiert: ohne Internet kein Geofencing, keine Push-Benachrichtigungen, eingeschränkte Funktionalität.

Homematic IP ist ein Infrastruktur-Produkt. Weniger schick, lernkurve steiler, aber lokal steuerbar. Der Access Point kommuniziert direkt mit den Geräten -- auch ohne Internet. Mehr Sensoren und Aktoren, mehr Möglichkeiten, mehr Aufwand.

Das ist keine Wertung. Es ist eine Charakterbeschreibung.


tado im Detail

Das Setup

tado funktioniert mit einem Starter-Set: Bridge (Internet-Gateway) und erstes Thermostat-Knoepf-Aufsatz für die Heizkörperventilatoren. Der Einbau ist wirklich einfach -- Adapterstülp auf Ventil, Thermostaten aufschrauben, App starten, fertig. 10 bis 20 Minuten.

Für Wohnungen mit Zentralheizung gibt es alternativ den tado Wired Smart Thermostat, der die Heizung direkt steuert (an Stelle des vorhandenen Wandthermostaten).

Was tado kann

Geofencing

Das ist das Killer-Feature. tado nutzt die GPS-Position deines Smartphones, um die Heizung abzusenken wenn du das Haus verlässt, und rechtzeitig wieder hochzufahren bevor du ankommst. Das funktioniert zuverlässig.

Raumtemperatur-Messung

Jedes tado-Thermostat misst die Raumtemperatur, nicht nur die Ventilstellung. Das macht die Steuerung präziser.

Offene Fenster-Erkennung

Wenn ein Fenster geöffnet wird, erkennt tado den Temperaturabfall und schaltet die Heizung ab. Funktioniert, aber braucht etwas Zeit.

App

Übersichtlich, modern, auch für nicht-technische Nutzer zugänglich.

Das tado-Abo-Problem

Das stört mich an tado wirklich: 2022 hat das Unternehmen wesentliche Funktionen hinter eine Paywall gesteckt.

Was kostenlos bleibt

  • Grundsteuerung per App
  • Zeitpläne
  • Temperaturmessung

Was nur mit Auto-Assist-Abo verfügbar ist (3,99 Euro/Monat oder 39,99 Euro/Jahr)

  • Geofencing (automatische Ab- und Zuschaltung nach Position)
  • Offene Fenster-Reaktion (automatisch, nicht nur Benachrichtigung)
  • Fruezheitig-Aufheizen-Funktion
Das Abo ist optional. Aber ohne es ist tado deutlich weniger nützlich als beworben. Die Geofencing-Funktion, die den großen Energiespar-Vorteil bringt, kostet extra.

Über 10 Jahre gerechnet: 39,99 Euro/Jahr = knapp 400 Euro zusätzliche Kosten.

Preise tado

GerätPreis (ca.)
Starter Set (Bridge + 1 Thermostat)100 bis 120 EUR
Jedes weitere Thermostat50 bis 70 EUR
Auto-Assist-Abo3,99 EUR/Monat
Für 4-Zimmer-Wohnung: ca. 250 bis 350 Euro Einmalinvestition plus Abo.

Homematic IP im Detail

Das System

Homematic IP funktioniert mit einem Access Point als Zentrale (ca. 30 bis 40 Euro). Der Access Point verbindet sich mit dem Heimnetzwerk und kommuniziert mit Funkgeräten über ein proprietäres 868-MHz-Protokoll. Wichtig: Das System läuft auch ohne Internetverbindung, solange der Access Point im Netz ist.

Was Homematic IP kann

Das Geräte-Oekosystem ist erheblich breiter als bei tado:

  • Wandthermostate (für feste Wandmontage statt Ventilaufsatz)
  • Fensterkontakte (Heizung stoppt automatisch bei offenem Fenster)
  • Bewegungsmelder
  • Rollladenaktoren
  • Taster, Fernbedienungen
  • Hutschienen-Aktoren für den Verteiler
Das macht Homematic IP zu einem vollständigen Smart-Home-System, nicht nur zu einem Thermostat-System. Wer anfängt, hat oft nach einem Jahr Rollladensteuerung, Beleuchtungsautomatisierung und Alarmanlage dazugefuegt.

Steuerung und Integration

Die Homematic IP App ist funktionell aber nicht besonders schick. Wer das nicht stört, ist damit gut bedient.

Für Power-User: Homematic IP integriert sich tief in Home Assistant. Alle Thermostate, Sensoren und Aktoren erscheinen als Entitäten, Automatisierungen laufen lokal. Das ist für viele der entscheidende Vorteil gegenüber tado.

Preise Homematic IP

GerätPreis (ca.)
Access Point30 bis 40 EUR
Thermostat-Ventilaufsatz35 bis 50 EUR
Wandthermostat60 bis 80 EUR
Fensterkontakt25 bis 35 EUR
Rollladenaktor50 bis 80 EUR
Kein Abo0 EUR/Monat
Für 4-Zimmer-Wohnung mit Fensterkontakten: ca. 200 bis 350 Euro, einmalig.

Direkter Vergleich

KriteriumtadoHomematic IP
Setup-AufwandSehr einfach (15 Min)Mittel (1-2 Std)
App-QualitätHervorragendSolide
Abo-Kosten39,99 EUR/Jahr (für Kernfunktionen)Keine
Offline-fähigEingeschränktVollständig
GeofencingJa (mit Abo)Über HA-Integration
FensterkontakteNicht nötig (erkennt per Temp)Eigene Geräte (präziser)
Home AssistantMöglich, eingeschränktTief integriert
Geräte-OekosystemNur HeizungVollständiges Smart Home
ProtokollProprietär / Cloud868 MHz / lokal
DesignModernFunktional

Installation: Beide in 5 bis 20 Minuten

Beide Systeme tauschen den vorhandenen Thermostat-Ventilaufsatz aus. Das klingt komplizierter als es ist.

Schritte:

  1. Alten Thermostat (Dradiknopf) abdrehen und abschrauben

  2. Adapterstülp auf Ventil (beide Systeme liefern mehrere Adapter mit)

  3. Smarten Thermostat aufschrauben und koppeln

  4. Fertig

Weder tado noch Homematic IP erfordern einen Elektriker für die Thermostat-Installation. Für den tado Wired Thermostat oder Homematic IP-Wandthermostate die verkabelt werden sollen, sieht es anders aus.


Energieeinsparung: Was wirklich passiert

Beide Hersteller versprechen Einsparungen. Die Realität ist differenzierter.

Das Fraunhofer ISE hat in Studien smarte Heizungsregelungen untersucht und Einsparungen von 20 bis 30 Prozent festgestellt -- aber mit deutlichen Bedingungen: Einsparungen entstehen hauptsächlich durch konsequente Abwesenheitsabsenkung und Nachtabsenkung. Wer vorher manuell diszipliniert geheizt hat, spart weniger.

tado-interne Studien nennen ahnliche Zahlen (tado.com). Homematic IP verweist auf EWärme-Studien. Beide Zahlen sind glaubwürdig für Haushalte, die vorher wenig gesteuert haben.

Kein System hat bei der Energieeinsparung einen klaren Vorteil. Entscheidend ist die konsequente Nutzung der Abwesenheitsfunktion.


Meine ehrliche Empfehlung

Nimm tado wenn

  • Du keine Lust auf Konfiguration hast
  • Du nur die Heizung steuern willst, sonst nichts
  • Du das Abo-Modell akzeptierst und es in deinen Budgetplan einbaust
  • Du wenige Räume hast (Abo-Kosten lohnen sich ab ca. 3 Räumen eher)

Nimm Homematic IP wenn

  • Du kein laufendes Abo zahlen willst
  • Du Home Assistant nutzt oder planst
  • Du das System später auf Rollläden, Licht oder Alarmanlagen erweitern willst
  • Du offline-Fähigkeit wichtig findest
  • Du mehr Kontrolle über das System willst

Ein Satz für alle die noch zweifeln

In 3 Jahren hat tado dir durch das Abo ca. 120 Euro zusätzlich gekostet, Homematic IP hat dir das gespart. Das reicht für 3 weitere Thermostate oder 4 Fensterkontakte.


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