Wer 2024 ein Elektroauto gekauft und in der eigenen Garage geladen hat, hat im Schnitt etwa 30 Cent pro Kilowattstunde bezahlt. Das ist günstig im Vergleich zu öffentlichen Ladesäulen (etwa 60 bis 80 Cent), aber teuer im Vergleich zu dem, was möglich ist. Wer eine Solaranlage besitzt und in den Mittagsstunden lädt, fährt unter Umständen für 4 bis 8 Cent pro kWh. Wer einen dynamischen Stromtarif (Tibber, aWATTar, Voltego) hat, kann nachts in der Tiefphase für 8 bis 18 Cent laden. Wer beides kombiniert, hat die niedrigsten Stromkosten pro 100 km, die in Deutschland legal möglich sind. Etwa 1 bis 3 Euro statt 8 bis 12 Euro für den klassischen Fahrer mit Standard-Stromtarif.

Der Schlüssel zu dieser Kombination heißt EVCC. Ein Open-Source-Tool, das seit 2019 entwickelt wird, in Home Assistant integrierbar ist, und das die intelligente Brücke zwischen Wallbox, Solarwechselrichter, Strombörse und Auto ist. In diesem Artikel räumen wir auf, wie EVCC funktioniert, welche Wallbox 2026 die richtige Wahl ist, und welche Stolperfallen du vermeiden solltest.

Das Grundprinzip: Wer dirigiert hier eigentlich?

Bevor wir zu Produkten kommen, ein Blick auf die Datenströme.

Wenn du dein E-Auto an die Wallbox steckst, gibt es typischerweise mehrere Akteure, die das Laden mitsteuern wollen.

Akteur 1: Das Auto. Es weiß, wie voll der Akku ist und wie viel es laden soll. Manche Autos haben eine eigene Ladeplanung (Tesla App, BMW iDrive, VW We Connect). Das funktioniert isoliert, ohne Wissen über deinen Solar-Strom oder Spotpreise. Akteur 2: Die Wallbox. Manche Wallboxen (go-e, openWB, KEBA mit Smart Module) können selbständig Lade-Strategien fahren. Aber sie haben oft nur Zugriff auf die eigenen Sensoren. Akteur 3: Die Hersteller-App. Tesla Charging, BMW My ChargeNow, Mercedes me. Jeder Hersteller hat sein eigenes Ökosystem, oft mit Cloud-Anbindung. Schön, aber proprietär. Akteur 4: EVCC. Das Open-Source-Tool, das alle Daten zusammenführt: aktuelle Solar-Produktion, aktueller Hausverbrauch, aktueller Spotpreis (Tibber), Akku-Stand des Autos, gewünschter Ladestand, Abfahrtszeit. EVCC entscheidet dann minütlich, mit wie vielen Ampere das Auto gerade laden soll.

Ohne EVCC ist jeder Akteur isoliert. Mit EVCC arbeiten alle koordiniert. Das ist der zentrale Unterschied.

EVCC im Detail: Was es kann, was es nicht kann

EVCC ist eine Software, die auf einem kleinen Server läuft (Raspberry Pi, Synology NAS, kleiner Mini-PC, oder als Home-Assistant-Addon). Es ist kostenlos, Open Source, sehr gut dokumentiert.

Was EVCC kann:
  • PV-Überschussladen mit minütlicher Anpassung der Ladeleistung
  • Tibber-Spotpreis-Optimierung (lädt in günstigen Stunden, pausiert in teuren)
  • Zielladung (Auto zu Uhrzeit X auf Y Prozent geladen)
  • Mehrere Autos und Wallboxen parallel
  • Lastmanagement bei Hausanschluss-Begrenzung
  • Statistik (was hast du in der Vergangenheit gespart)
  • Home Assistant Integration (volle Datenanbindung)
Was EVCC nicht kann:
  • Auto auto-fahrnah benutzen (Lade-Optimierung allein, keine Routenplanung)
  • Vehicle-to-Grid (in 2026 noch nicht produktiv, ist Teil der Roadmap)
  • Mehrere Spotpreis-Anbieter gleichzeitig (du wählst eine pro Setup)
Hardware-Anforderung: ein laufender Server mit etwa 1 GB RAM. Stromverbrauch 5 bis 10 Watt. Wer Home Assistant betreibt, hat das ohnehin.

Welche Wallbox 2026 für EVCC die richtige ist

EVCC unterstützt 70 plus verschiedene Wallbox-Modelle. Die wichtigsten Klassen:

Premium-DIY-tauglich: go-eCharger

Die go-eCharger Familie (go-e Charger Gemini, V3, HOMEfix) ist die beliebteste Wallbox in der Smart-Home-Community. Hauptgründe: offene API, einfache Einrichtung, gute Verarbeitung.

Spezifikationen go-e Gemini (Stand 2026):
  • 11 kW (3-phasig 16A) oder 22 kW (3-phasig 32A)
  • WLAN, optional Mobilfunk
  • Lokale REST API plus MQTT
  • Preis 599 bis 899 Euro je nach Variante
EVCC-Integration: First-Class, sehr stabil, schon seit Jahren. Empfehlung Nr 1 für EVCC-Setups.

Bewährter Mittelklasser: openWB

openWB ist eine deutsche Wallbox-Linie, die EVCC bereits ab Werk integriert hat. Wenn du keinen Server für EVCC betreiben willst, ist das eine Komplettlösung.

Spezifikationen openWB series 2:
  • 11 kW oder 22 kW
  • EVCC-Software integriert (kein extra Server nötig)
  • Touch-Display am Gerät
  • Preis 1.290 bis 1.890 Euro
Vorteil: Out-of-the-box bereit. Nachteil: Höherer Preis, weniger Konfigurierbarkeit als externe EVCC-Installation.

Premium-Industrie: KEBA P30

KEBA ist österreichischer Hersteller mit über 25 Jahren Erfahrung in Industrie-Ladelösungen. Solide, langlebig, robust.

Spezifikationen KEBA P30 c-series:
  • 11 kW oder 22 kW
  • WLAN plus Ethernet
  • Modbus-TCP-API für EVCC
  • Preis 850 bis 1.300 Euro
EVCC-Integration: Stabil, weil Modbus-Standard. KEBA hat sich gut gegenüber EVCC geöffnet.

Tesla Wallbox (Tesla Wall Connector)

Tesla-spezifisch, aber funktioniert mit jedem Auto.

Spezifikationen Wall Connector Gen 3:
  • 11 kW (in DE 3-phasig 16A standardmäßig)
  • WLAN
  • Lokale API begrenzt offen
EVCC-Integration: Funktioniert, aber Tesla schränkt manche Funktionen ein. Wer einen Tesla fährt, hat tiefere Integration über Tesla App selbst.

Was du NICHT kaufen solltest

Es gibt Wallboxen ohne offene API und ohne EVCC-Unterstützung. Heidelberg Energy Control, ABL eMH1, manche Mennekes-Modelle. Sie funktionieren als reine Ladelösung, aber sie können nicht mit Solar oder Tibber koordinieren. Wenn du Smart Home ernsthaft betreiben willst: meiden.

Eine typische EVCC-Konfiguration

Wie sieht eine reale EVCC-Konfiguration aus? Hier ein Beispiel-Setup für ein Einfamilienhaus mit 6 kWp PV-Anlage, Tibber-Tarif und einem ID.3.

# Vereinfachte EVCC-Config
network:
  schema: http
  host: evcc.local
  port: 7070

site:
  title: Hausladung
  meters:
    grid: smartmeter   # Hausanschluss-Messung
    pv: pv_inverter    # PV-Wechselrichter

loadpoints:
  - title: Garage
    charger: goe_charger
    vehicle: id3
    mode: pv
    minCurrent: 6      # Auto startet ab 6A pro Phase (Mindestwert)
    maxCurrent: 16     # Wallbox max 16A pro Phase
    
tariffs:
  currency: EUR
  grid:
    type: tibber
    token: <tibber-api-token>

vehicles:
  - name: id3
    title: VW ID.3
    type: vw
    capacity: 62       # kWh
    user: <vw-account-user>
    password: <vw-account-password>

Was diese Konfiguration tut: Sobald das Auto an die Wallbox kommt, schaut EVCC auf den aktuellen PV-Überschuss. Wenn mehr als 6A pro Phase Solar verfügbar sind (etwa 4 kW), startet das Laden. Wenn die Sonne weniger liefert, pausiert das Laden. Tibber-Preise kommen als Bonus dazu, EVCC kann auch nachts in der billigsten Stunde nachladen, falls die Solar-Energie tagsüber nicht reicht.

Drei realistische Lade-Strategien

EVCC bietet verschiedene Lade-Modi. Die drei häufigsten in der Praxis.

Strategie 1: Reines PV-Überschussladen (PV-Modus)

Auto lädt NUR mit selbstproduziertem Solar-Überschuss. Wenn die Sonne nicht reicht, wird nicht geladen.

Wann sinnvoll: Wenn du im Home Office bist, das Auto tagsüber zu Hause steht, und du keine festen Abfahrtszeiten brauchst. Vorteil: Maximale Solar-Autarkie, fast keine Stromkosten. Nachteil: Im Winter oder bei viel bewölktem Wetter kann das Auto Tage nicht laden.

Strategie 2: Tibber-Spotpreis-Optimierung (Min/SoC-Modus)

Auto soll bis zur Abfahrtszeit auf X Prozent geladen sein. EVCC verteilt die nötige Energiemenge auf die billigsten Stunden.

Wann sinnvoll: Wenn du planbare Abfahrtszeiten hast (z.B. immer um 7 Uhr morgens zur Arbeit, mit Akku auf 80 Prozent). Vorteil: Niedrigste Stromkosten durch Spotpreis-Arbitrage. Im Winter sind nachts die Preise oft 8 bis 15 Cent. Nachteil: Brauchst Tibber-Tarif (etwa 5 Euro Grundgebühr/Monat plus Spotpreis).

Strategie 3: Hybrid (PV + Tibber)

Auto lädt tagsüber mit Solar-Überschuss, und falls am Abend noch nicht voll, EVCC lädt nachts in der billigsten Stunde nach.

Wann sinnvoll: Das ist der Standard für die meisten Haushalte. Vorteil: Solar-Vorteil tagsüber, Tibber-Vorteil nachts. Maximale Optimierung. Nachteil: Komplexere Konfiguration, ein paar Wochen Lernkurve, bis alles smooth läuft.

Wirtschaftlichkeit: Was sparst du wirklich?

Beispielrechnung für ein Setup mit 6 kWp PV und Tibber-Tarif, Auto fährt 15.000 km/Jahr, 18 kWh/100 km Verbrauch.

Stromkosten pro Jahr:
  • Standard-Tarif 30 Cent/kWh: 2.700 kWh mal 0,30 = 810 Euro
  • Mit Solar (50% Solar-Anteil): 1.350 kWh Solar (4 Cent Eigenverbrauchskosten) + 1.350 kWh Netz (30 Cent) = 54 + 405 = 459 Euro
  • Mit Solar + Tibber (50% Solar, 35% Tibber Tief, 15% Tibber Hoch): etwa 280 Euro
Ersparnis pro Jahr: Ohne EVCC und Optimierung bezahlst du 810 Euro Strom. Mit voller EVCC-Optimierung etwa 280 Euro. Ersparnis 530 Euro/Jahr. Amortisation: Investition in EVCC (kostenlos) plus Wallbox (etwa 800 Euro für go-e) plus Mini-PC für EVCC (etwa 150 Euro): 950 Euro. Amortisiert über die Ersparnis in etwa 1,8 Jahren.

Wer noch keine PV-Anlage hat: PV-Anlage 6 kWp Investition etwa 8.000 bis 12.000 Euro (2026er Preise). Amortisation 8 bis 12 Jahre, dann fast kostenlos Strom für 15 bis 20 Jahre.

Häufige Stolperfallen

Vier Punkte, die in der Praxis nerven.

Stolperfalle 1: Hausanschluss-Begrenzung. Wenn deine Wallbox 11 kW zieht plus Wärmepumpe plus Geschirrspüler plus Herd, kann es zu Überlast kommen. EVCC kann das managen (Lastmanagement), aber die Konfiguration ist anspruchsvoll. Vorab mit Elektriker klären. Stolperfalle 2: Auto-API-Probleme. Manche Autos (VW ID-Familie, Hyundai Ioniq) haben gelegentlich API-Probleme, weil die Hersteller-Cloud unzuverlässig ist. Wenn EVCC den Ladestand des Autos nicht abrufen kann, fällt die Optimierung schwer. Lösung: Wallbox mit eigener Last-Erkennung wählen (go-e Gemini, openWB). Die wissen auch ohne Auto-API, wie viel Strom gerade fließt. Stolperfalle 3: PV-Modus startet zu spät, stoppt zu früh. Default-Werte sind oft konservativ. Lade-Start braucht oft 6A pro Phase, was 4,1 kW bei dreiphasiger Wallbox bedeutet. Wenn deine PV oft unter 4 kW liefert, lädt das Auto nie reinem PV-Modus. Lösung: EVCC unterstützt Single-Phase-Switching bei manchen Wallboxen. Damit kann ab 1,4 kW (6A einphasig) geladen werden. Hardware muss das unterstützen (go-e Gemini ja, openWB ja). Stolperfalle 4: Tibber-Smart-Charging-Konflikt. Wenn du in der Tibber-App das integrierte Smart-Charging aktiviert hast UND EVCC läuft, gibt es Konflikte. Beide steuern, das Auto wird verwirrt. Lösung: In der Tibber-App das Smart-Charging deaktivieren, nur EVCC entscheiden lassen.

Home Assistant Integration

EVCC hat seit 2024 eine offizielle Home Assistant Integration. Sie zeigt in HA:

  • Aktueller Ladestand

  • Aktuelle Ladeleistung

  • Geladene Energie pro Sitzung

  • Solar-Anteil der aktuellen Ladung

  • Aktueller Tibber-Preis

  • Nächste geplante Ladestunden

In HA kannst du Automationen bauen, etwa: "Push-Benachrichtigung, wenn Ladestand 80 Prozent erreicht ist" oder "Lüftung in der Garage einschalten während des Ladens".

Eine ehrliche Empfehlung für 2026

Wer ein E-Auto fährt oder kaufen will und das Setup wirklich smart machen will:

  1. Wallbox kaufen: go-e Gemini Pro 11 kW (etwa 800 Euro)
  2. EVCC installieren auf bestehendem Home Assistant Server oder einem Mini-PC (kostenlos)
  3. Tibber-Tarif abschließen (etwa 5 Euro Grundgebühr plus Spotpreis)
  4. PV-Anlage falls noch nicht vorhanden: separate Investitionsentscheidung
  5. Erste 2 Wochen beobachten und Konfiguration nachjustieren
  6. Ab Woche 3: Tagesablauf passt sich automatisch an
Erwartete Stromkosten-Ersparnis: 400 bis 600 Euro/Jahr für Vielfahrer (15.000+ km), 200 bis 350 Euro/Jahr für Wenigfahrer (5.000 km).

Wer nur eine einfache Wallbox will und kein Smart Home: Mennekes Amtron Compact (kein EVCC nötig) oder ABL eMH1. Funktioniert, lädt das Auto, aber ohne Optimierung.

Quellen und Weiterführendes

  • EVCC.io offizielle Dokumentation
  • GitHub: evcc-io/evcc (Open-Source-Projekt)
  • go-e Charger Produktdokumentation
  • openWB Wallbox-Reihe
  • Tibber Energy, Dynamische Stromtarife in Deutschland
  • alkly.de, go-e Charger mit Home Assistant und EVCC
  • Heimgeek.eu, Wallbox mit Home Assistant 2026