Im Sommer 2024 hatten wir in München vier Wochen mit Tagestemperaturen über 30 Grad und etwa zwölf Tropennächten. Wer in einem klassischen Altbau ohne Außenrolladen wohnt, weiß, was das bedeutet. Du kommst abends nach Hause, die Wohnung hat 29 Grad, das Fenster steht seit dem Morgen offen, weil du dachtest, frische Luft hilft. In Wirklichkeit hat der ganze Tag heiße Luft hineingelassen. Du müsstest jetzt fünf bis sieben Stunden lüften, um die Innentemperatur auf erträgliche 23 bis 24 Grad zu bringen. Das schaffst du nicht, weil ab Mitternacht draußen auch noch 22 Grad sind. Du schläfst schlecht, und der nächste Tag ist genauso heiß.
Eine smarte Beschattung mit Home Assistant kann diese Situation komplett verändern. Die einfache Logik: Schließe die Rolläden oder fahre die Jalousien herunter, BEVOR die Sonne auf die Fassade trifft. Öffne sie wieder, wenn die Sonne weg ist. Das funktioniert mit drei Sensoren plus zwei Automationen und reduziert die Innentemperatur an Hitzetagen um 4 bis 7 Grad gegenüber ungelüfteter Standard-Situation. Das ist wissenschaftlich gut belegt und in der Praxis sofort spürbar.
In diesem Artikel zeigen wir, wie du das aufbaust, welche Hardware nötig ist, welche Marken in Home Assistant funktionieren und wo die typischen Stolperfallen liegen.
Die physikalische Grundlage
Ein Rolladen oder eine Jalousie reduziert den solaren Wärmeeintrag in einen Raum aus zwei Gründen.
Grund 1: Direkte Reflexion vor dem Fenster. Der Großteil der Sonnenstrahlung wird vom Außenrolladen oder von der vor dem Fenster sitzenden Jalousie reflektiert und gelangt erst gar nicht ins Innere des Raums. Bei einem geschlossenen weißen Außenrolladen werden etwa 70 bis 80 Prozent der Sonnenstrahlung reflektiert. Innen-Jalousien helfen weniger, weil die Strahlung das Fenster schon durchdrungen hat und dann an der Jalousie als Wärme wieder abgegeben wird. Grund 2: Pufferzone vor dem Glas. Zwischen Rolladen und Fenster bildet sich eine Luftschicht, die einen zusätzlichen thermischen Widerstand erzeugt. Das ist im Sommer eine Wärmebarriere, im Winter eine Dämmschicht.Die Wirkung in Zahlen: Ein gut konstruierter Außenrolladen bei vollständig sonnenbeschienener Westfassade reduziert den solaren Eintrag um 70 bis 85 Prozent. Die Innentemperatur in einem typischen Zimmer steigt damit um 4 bis 7 Grad weniger als ohne Beschattung. Das ist der Unterschied zwischen 30 und 25 Grad in der Wohnung. Das ist der Unterschied zwischen schlecht schlafen und gut schlafen.
Die Hardware-Pfade
Beschattung in Home Assistant erfordert drei Komponenten: motorisierte Beschattung, Steuerungseinheit und Sensoren. Schauen wir sie der Reihe nach an.
Motorisierte Beschattung
Wenn du keine motorisierten Rolläden hast, ist das das größte und teuerste Stück.
Nachrüstung Außenrolladen: Bei Bestandsbauten gibt es Rolladengurt-Wickler mit Smart-Motor (Becker, Schellenberg). Kosten 80 bis 150 Euro pro Rolladen. Funktioniert mit Standardgurten in Massivbauten. Vollelektrifizierung Rolladen: Profi-Lösung, alter Gurt wird durch elektrischen Motor ersetzt. Kosten 250 bis 500 Euro pro Rolladen inkl. Einbau. Markise mit Motor: Wer eine Markise nachrüstet, hat von Anfang an einen Motor. Standard-Markise mit Funkfernbedienung 600 bis 1.500 Euro. Innenjalousie smart: IKEA hat die Tradfri-Linie mit Roller Blinds (etwa 130 Euro pro Stück). Aqara hat Curtain-Controller. Aqara Curtain Motor für Vorhang-Schienen etwa 80 bis 120 Euro.Steuerungseinheit
Hier wird es spezifisch nach Hersteller.
Somfy mit TaHoma Switch. Der etablierte Profi-Standard. TaHoma Switch ist die HA-Bridge, kostet etwa 200 Euro. Verbindet Somfy-Motoren mit io-homecontrol- oder RTS-Protokoll. Home Assistant Integration via Overkiz-Plugin (offiziell unterstützt). Cloud-basiert, Latenz etwa 5 bis 15 Sekunden. Somfy RTS lokal mit ESPSomfyRTS. Open-Source-Alternative für Somfy-RTS-Motoren (ältere Generation, 433 MHz). Hardware: ESP32 mit RFM69-Modul, etwa 25 Euro selbstgebaut. Lokal, ohne Cloud, ohne TaHoma. Klassiker für Bastler. Schellenberg/Becker mit eigener HA-Integration. Beide Marken haben HA-Integrationen via Community-Plugins, in der Regel über Cloud-API. Aqara mit Hub. Aqara Curtain Motors funktionieren über das Zigbee-Protokoll. Mit dem Aqara Hub M2 oder M3 als Gateway sind sie in HA via Zigbee2MQTT oder ZHA integrierbar (siehe unser Artikel zu Aqara Hub M3 falls verfügbar). Vollständig lokal. IKEA Tradfri. Über Ikea Tradfri Gateway oder direkt via Zigbee2MQTT. Vollständig lokal, sehr günstig.Sensoren für die Automation
Die intelligente Beschattung braucht Daten. Vier Sensor-Typen sind relevant.
Sensor 1: Sonnenstand (azimuth, elevation). Brauchst keinen Hardware-Sensor. Home Assistant hat eine eingebautesun-Integration, die die Sonnenposition für deinen Standort berechnet. azimuth gibt die Himmelsrichtung an (180° = Süden), elevation den Höhenwinkel.
Sensor 2: Außenhelligkeit (Lux). Hardware-Sensor (Bosch BH1750, im Sonoff SNZB-06P, in vielen Aqara-Sensoren integriert). Sagt, ob die Sonne tatsächlich scheint oder ob Wolken davor stehen. Kosten 15 bis 40 Euro pro Sensor.
Sensor 3: Innentemperatur. Standard-Temperatursensor im Wohnraum. Sagt, ob du wirklich Bedarf hast. Wenn der Raum 21 Grad hat, brauchst du keine Beschattung.
Sensor 4: Windgeschwindigkeit (für Markisen). Eine Markise muss bei starkem Wind eingefahren werden, sonst geht sie kaputt. Hardware: kleine Windmesser mit Reed-Kontakt, etwa 50 Euro. Oder externe Wetterdienst-Daten aus OpenWeatherMap-Integration (kostenlos in HA).
Sensor-Strategien
Es gibt zwei Schulen, wie viele Sensoren wirklich nötig sind.
Minimal-Setup (nur Sonne plus Innentemperatur):- HA Sun-Integration (kostenlos)
- Innentemperatur-Sensor pro Raum (15 bis 30 Euro)
- Plus optional Wetterdienst-Integration für Wind (kostenlos)
- HA Sun-Integration
- Außen-Lux-Sensor an sonnigster Fassade (etwa 40 Euro)
- Innentemperatur-Sensor pro Raum
- Windsensor für Markisen
Mein Tipp: Bei einer einzelnen Wohnung mit zwei oder drei Fenstern reicht das Minimal-Setup. Bei einem Einfamilienhaus mit vier oder mehr Fassaden lohnt der Lux-Sensor.
Die Kern-Automation in YAML
Eine sinnvolle Beschattungs-Automation für ein Fenster nach Westen sieht so aus:
automation:
- alias: "Beschattung West bei Sonne und Hitze"
trigger:
- platform: numeric_state
entity_id: sun.sun
attribute: azimuth
above: 200
below: 280
condition:
- condition: numeric_state
entity_id: sun.sun
attribute: elevation
above: 15
- condition: numeric_state
entity_id: sensor.wohnzimmer_temperatur
above: 22
- condition: state
entity_id: weather.home
state: ["sunny", "partlycloudy"]
- condition: numeric_state
entity_id: sensor.aussen_windgeschwindigkeit
below: 10
action:
- service: cover.set_cover_position
target:
entity_id: cover.wohnzimmer_rolladen_west
data:
position: 30
Diese Automation fährt den West-Rolladen auf 30 Prozent (also fast geschlossen), wenn der Azimuth der Sonne zwischen 200 und 280 Grad liegt (Westen), die Sonne über 15 Grad Höhe steht, die Innentemperatur über 22 Grad ist, das Wetter sonnig oder teilweise bewölkt ist und der Wind unter 10 m/s liegt.
Die Gegen-Automation öffnet den Rolladen wieder:
automation:
- alias: "Beschattung West wieder oeffnen"
trigger:
- platform: numeric_state
entity_id: sun.sun
attribute: elevation
below: 5
- platform: numeric_state
entity_id: sun.sun
attribute: azimuth
above: 280
action:
- service: cover.set_cover_position
target:
entity_id: cover.wohnzimmer_rolladen_west
data:
position: 100
Sie öffnet den Rolladen entweder bei Sonnenuntergang (Elevation unter 5 Grad) oder wenn die Sonne über den Westen hinaus zur Nordseite wandert.
Sicherheits-Automation für Markise bei aufkommendem Wind:
automation:
- alias: "Markise einfahren bei Wind"
trigger:
- platform: numeric_state
entity_id: sensor.aussen_windgeschwindigkeit
above: 15
action:
- service: cover.close_cover
target:
entity_id: cover.markise_terrasse
- service: notify.mobile_app
data:
message: "Markise wegen Wind eingefahren"
Die Zwölf-Stunden-Strategie für maximale Wirkung
Das wirklich Wirksame an smarter Beschattung ist nicht das einzelne Schließen, sondern eine Tagesstrategie. Hier eine Logik, die Sommerhitze sehr effektiv abmildert.
Zwischen Sonnenaufgang und 9 Uhr: Lüften. Rolläden offen, alle Fenster gekippt. Frische, kalte Morgenluft füllt die Wohnung. Zwischen 9 und 19 Uhr (an Hitzetagen): Verschatten. Rolläden runter auf der sonnigen Seite, Fenster geschlossen. Innenraum kühlt nur langsam auf, weil keine heiße Luft mehr eindringt. Zwischen 19 und 22 Uhr: Übergang. Rolläden öffnen, Fenster aber noch zu. Restwärme der Fassade lüften. Ab 22 Uhr bis Sonnenaufgang: Lüften. Alle Fenster auf. Kühle Nachtluft kommt rein.Mit dieser Strategie hast du selbst an einem 35-Grad-Tag eine Innentemperatur, die unter 27 Grad bleibt. Das Schlafzimmer auf der Nordseite, wenn richtig gelüftet, sogar unter 24 Grad.
Eine erweiterte Automation kann diese Strategie automatisch fahren:
automation:
- alias: "Hitzetag Strategie"
trigger:
- platform: time
at: "09:00:00"
condition:
- condition: numeric_state
entity_id: weather.home_forecast_today_max_temp
above: 28
action:
- service: cover.set_cover_position
target:
entity_id: group.alle_rollaeden_sonnenseite
data:
position: 25
Die Automation prüft morgens um 9 Uhr, ob der heutige Tageshöchstwert über 28 Grad liegt, und fährt dann gleich alle Rolläden der Sonnenseite herunter.
Stolperfallen und Praxis-Hinweise
Drei Punkte, die in fast jedem zweiten Forum-Post auftauchen.
Stolperfalle 1: Cloud-Latenz bei Somfy TaHoma. Wenn der Rolladen erst 30 Sekunden nach der Auslösung reagiert, kann es passieren, dass eine schnelle Wolke schon längst die Sonne abgedeckt hat. Lösung: ESPSomfyRTS für lokales 433-MHz-Steuern. Stolperfalle 2: Lichtsensoren in Schatten-Positionen. Wer einen Außen-Lux-Sensor unter einem Dachüberstand montiert, misst die Schattenseite, nicht das echte Sonnenlicht. Sensor muss frei zum Himmel ausgerichtet sein, idealerweise nach Süden. Stolperfalle 3: Manuelle Übersteuerung. Wenn du am Abend selbst den Rolladen über die Fernbedienung öffnest, sollte die Automation das respektieren. Implementiere eine "manual override"-Logik mit Timer oder Hold-Schalter, die die nächste automatische Aktion für 4 oder 6 Stunden überspringt.script:
manual_override_4h:
sequence:
- service: input_boolean.turn_on
target:
entity_id: input_boolean.beschattung_manuell
- delay:
hours: 4
- service: input_boolean.turn_off
target:
entity_id: input_boolean.beschattung_manuell
In allen Automations dann eine Bedingung state: input_boolean.beschattung_manuell, off einbauen.
Wirtschaftliche Betrachtung
Smarte Beschattung ist eine Investition, die sich auf zwei Wegen rechnet.
Direkt: Stromersparnis durch weniger Klimaanlagen-Nutzung. Wenn du eine Klimaanlage hast (oder einen mobilen Klimagerät), läuft sie an Hitzetagen 6 bis 10 Stunden mit 800 bis 1.500 Watt. Das sind 5 bis 15 kWh pro Tag, je nach Gerät 2 bis 5 Euro Stromkosten. An 30 Hitzetagen pro Sommer 60 bis 150 Euro. Mit smarter Beschattung kannst du die Klimaanlage halb so oft laufen lassen oder ganz vermeiden, also 30 bis 75 Euro pro Sommer sparen. Indirekt: Wohnkomfort und Schlafqualität. Schwerer in Geld zu fassen, aber massiv wichtig. Wer eine Hitzewelle ohne Klimaanlage in einer schwer aufgeheizten Wohnung übersteht, schläft schlecht, ist gereizt, leistet weniger. Wer mit smarter Beschattung die Wohnung kühl hält, leidet nicht.Investitions-Beispiel für eine Wohnung mit 4 Fenstern auf der Sonnenseite:
- 4 Rolladengurt-Wickler smart: 480 Euro
- Außen-Lux-Sensor: 40 Euro
- 4 Temperatursensoren innen: 80 Euro
- HA Sun + Wetter (kostenlos)
- Optional ESPSomfyRTS Bridge: 25 Euro
- Gesamt: etwa 625 Euro
Amortisation: bei Klimaanlage-Ersparnis 30-75 Euro pro Sommer = 8 bis 20 Jahre, also lange, aber Wohnkomfort-Gewinn ist sofort.
Bei einem Einfamilienhaus mit Voll-Elektrifizierung aller Rolläden plus Markise: 3.000 bis 6.000 Euro. Amortisation rein finanziell unter 20 Jahren schwer, aber Schlafqualität und Wohnkomfort über die Lebenszeit deutlich höher.
Eine Empfehlung für jeden Anwendungstyp
Du wohnst zur Miete und kannst Rolläden nicht verändern: IKEA Tradfri Roller Blinds für die Innenseite der Fenster, mit Zigbee in HA. Wirkung etwa 50 Prozent von Außenrolladen, aber besser als nichts. Investition pro Fenster 130 bis 200 Euro. Du wohnst in Eigentum mit manuellen Rolladengurten: Smart-Wickler nachrüsten. Investition pro Fenster 80 bis 150 Euro plus HA-Integration. Beste Preis-Leistungs-Lösung. Du baust neu oder renovierst: Direkt vollelektrische Rolläden planen, idealerweise Somfy io-homecontrol, plus TaHoma Switch oder ESPSomfyRTS. Höhere Initialkosten, aber langlebigste Lösung. Du hast eine Markise und keine Rolläden: Smarte Markisensteuerung mit Windschutz nachrüsten. Wichtig: Wind-Sicherung muss zuverlässig sein, sonst hast du nach dem ersten Sturm einen Bezug im Garten.Eine Schlussbemerkung
Smarte Beschattung ist eine der Smart-Home-Anwendungen, die wirklich Sinn macht und nicht nur Gadget-Spielerei ist. Sie spart Energie, sie verbessert Wohnkomfort, sie reagiert auf eine reale physikalische Belastung (Hitze), und sie funktioniert auch dann zuverlässig, wenn niemand zuhause ist.
Wenn du dein Haus mit Home Assistant betreibst und im Sommer 2026 noch keine smarte Beschattung hast, ist das eine der ersten Erweiterungen, die ich empfehle. Mit 600 bis 1.000 Euro Investition pro Wohnung hast du eine Lösung, die jeden Sommer ihre Wirkung zeigt, und die dich auch im 35-Grad-Sommer 2027 oder 2028 unterhalb deiner Aufregungsschwelle hält.
Quellen und Weiterführendes
- Somfy Deutschland, TaHoma Switch Produktdokumentation
- Home Assistant Sun Integration offizielle Doku
- HA Overkiz Integration für Somfy
- ESPSomfyRTS GitHub Projekt (open source)
- Aqara Curtain Controller Dokumentation
- IKEA Tradfri Smart Home Spezifikation
- DIN EN 14501 Sonnenschutzeinrichtungen Klassifizierung