Neubau ist die einzige Gelegenheit, bei der du Smart Home ohne Kompromisse einplanen kannst. Kein Nachholen, kein Fräsung durch fertige Wände, kein Flickwerk. Aber genau diese Einmaligkeit bedeutet: Was du hier verpasst, ist weg.
Ich hab mit Menschen gesprochen, die ihr Haus fertig gebaut haben und dann gemerkt haben, dass kein einziger Schalter einen Neutralleiter hat. Oder dass sie im Keller einen Technikraum geplant haben, aber vergessen haben, dort eine ausreichend dimensionierte DIN-Schiene vorzubereiten. Das sind keine großen Fehler -- aber sie kosten später entweder Geld oder Nerven.
Dieser Artikel geht durch das, was du entscheiden musst, bevor der Rohbau anfängt. Und was du später nicht mehr kostengünstig nachholen kannst.
Warum der Neubau die große Chance ist
Im Bestand bauen bedeutet immer Kompromisse. Du willst Unterputz-Schalter mit Shellys nachrüsteigen? Geht oft nicht, weil kein Neutralleiter im Schalter liegt. Du willst Netzwerkkabel in jeden Raum? Kostet im Bestand ein Vermögen, weil Kabel durch fertige Decken und Wände muss.
Im Neubau kostet das Kabel vom Elektriker vielleicht 20 bis 50 Euro mehr pro Raum. Später kostet die gleiche Aufgabe 300 bis 800 Euro mit Putz und Malerarbeiten.
Der andere Faktor: Smart Home entwickelt sich. Was du heute planst, muss 15 Jahre halten. Das bedeutet, du planst nicht für ein spezifisches System (das es vielleicht in 10 Jahren nicht mehr gibt), sondern für Flexibilität: genügend Rohre, genügend Leitungen, genügend Platz im Verteiler.
Was VOR dem Rohbau feststehen muss
Netzwerkkabel in jeden Raum
Das ist die Nr. 1-Entscheidung. WLAN ist bequem, aber für smarte Geräte die immer online sein sollen (Kameras, NAS, Home-Assistant-Server, stationaere Tablets) willst du Kabel.
Lege in jeden Raum mindestens eine Netzwerkdose, in Wohnzimmer und Arbeitszimmer zwei. Cat 6 ist 2026 ausreichend, Cat 6A oder Cat 7 gibt dir Reserven für 10-Gbit-Ethernet falls du das irgendwann brauchst. Der Preisunterschied pro Meter ist minimal.
Wichtig: Alle Leitungen sternförmig in den Technikraum/Keller führen, nicht als Daisy-Chain. So kannst du später einen zentralen Switch und Patch-Panel einfach verwalten.
Vergiss nicht:
- Technikraum / Server-Ecke im Keller
- Dachboden (für spätere Messung oder AP)
- Aussenbereich (Gartenhaus, Carport)
- Klingel/Türstation
Leerrohre für spätere Erweiterung
Netzwerkkabel jetzt, aber was ist in 10 Jahren? Vielleicht willst du Glasfaser intern. Vielleicht ein anderes Bussystem. Plane Leerrohre ein, mindestens von Keller zu Dachboden und zwischen Etagen.
Faustregel: Wo immer du Strom hast, lege ein Leerrohr daneben. Das kostet im Rohbau nichts und gibt dir später maximale Flexibilität.
Neutralleiter an JEDEM Lichtschalter
Das ist der Klassiker. In Deutschland werden Lichtschalter traditionell ohne Neutralleiter installiert -- der Strom fliesst durch den Schalter, fertig. Smarte Schalter und Dimmaktoren brauchen aber eine dauerhafte Spannungsversorgung. Dafür ist der Neutralleiter nötig.
Sag deinem Elektriker klar: Neutralleiter an jeden Lichtschalter. Nicht "wenn es einfach geht", sondern generell. Das klingt selbstverständlich, aber viele Elektriker machen es aus Gewohnheit anders.
Konsequenz wenn du es vergisst: Du kannst nur noch Unterputz-Aktoren nutzen, die ohne Neutralleiter auskommen (Shelly 1L zum Beispiel), oder musst teure Lösungen mit Bypass finden. Oder du boxt auf.
Steckdosen: mehr als du denkst
Planes Steckdosen ein, als ob du nie genug haben könntest. Standard-Planung: 2 bis 3 Steckdosen pro Zimmer. Smart-Home-Planung: 4 bis 6 pro Zimmer, davon mindestens eine USB-A/USB-C-Kombidose an der Schlafseite, eine hinter dem TV-Möbel mit Kabeldurchführung, eine unter dem Fenster für Sensoren.
Speziell:
- Küche: Steckdose unter dem Hängeschrank für Beleuchtung und Stecker-Sensoren
- Hauseingang: Steckdose für Video-Türklingel und Türschloss-Gateway
- Keller/Technikraum: Mehrfach-Steckdosenleiste vorbereiten, mindestens 8 Plätze
- Dachboden: Strom und Netz für möglichen AP oder NAS-Erweiterung
Positionen für Access Points
Mesh-WLAN ist praktisch, aber Kabel zum AP ist besser. Plane PoE-Netzwerkdosen an Decken oder Wänden ein, dort wo ein AP sinnvoll wäre: Mitte der Oberetage, Mitte der Unteretage, Keller wenn gross, Aussenbereich wenn Pool oder großer Garten.
Eero, Ubiquiti UniFi, TP-Link EAP -- alle haben PoE-APs. Wenn das Kabel liegt, kostet der AP 60 bis 120 Euro. Wenn kein Kabel liegt, entweder Kompromisse oder Kabelführen später.
DIN-Schiene im Verteiler für Aktoren
Plant dein Elektriker den Verteiler, musst du rechtzeitig sagen: Ich will Platz für Hutschienen-Geräte. Das können sein:
- Shelly Pro-Geräte (Schalt- und Dimm-Aktoren)
- Homematic IP-Aktoren für Rollläden und Heizung
- KNX-Aktoren wenn du diesen Weg gehst
- Netzwerk-Switch (wenn kein separater Technikraum)
- UPS (unterbrechungsfreie Stromversorgung für Server und Netz)
Funk vs. Kabel: KNX oder Zigbee?
Das ist die grundlegende Systementscheidung, die du im Neubau treffen kannst.
KNX (Kabel)
KNX ist ein Bus-System. Jeder Schalter und Aktor hängt an einem eigenen Buskabel. Das Ergebnis: absolut zuverlässig, keine WLAN-Abhängigkeit, Jahrzehnte-Lebensdauer. Elektriker, die KNX können, sind speziell zertifiziert. Preis pro Raum: 500 bis 2.000 Euro.
KNX lohnt sich wenn: Du ein großes Haus baust, langfristig planst, keine Lust auf Basteln hast, und das Budget vorhanden ist.
Zigbee/Matter (Funk)
Zigbee braucht keine extra Verkabelung. Geräte kommunizieren über Mesh-Funk, ein Coordinator im Verteiler oder Technikraum reicht. Preis pro Raum: 50 bis 200 Euro je nach Ausstattung.
Matter ist der neue offene Standard (2022 eingeführt), der Interoperabilität zwischen Herstellern sicherstellen soll. Noch nicht alle Geräte unterstützen ihn vollständig, aber die Entwicklung ist positiv.
Zigbee/Matter lohnt sich wenn: Du flexible, erweiterbare Systeme willst, gerne selbst konfigurierst, und Home Assistant nutzen willst.
Meine Einschätzung
Für die meisten Neubauten im privaten Bereich ist Zigbee mit Home Assistant die sinnvollere Wahl. KNX ist Profi-Infrastruktur mit Profi-Preisen. Wer kein großes Budget hat oder selbst eingreifen will, fährt mit Zigbee besser.
Was du später NICHT mehr nachholen kannst
Einige Dinge kosten später ein Vielfaches:
Netzwerkkabel hinter Putz
Einmal fertig, ist das Verlegen von Kabel durch Wände teuer und sieht nie so gut aus wie beim Erstbau. Wenn das Kabel beim Erstbau 50 Euro extra kostet, kostet es später 500 bis 1.500 Euro (Fräsung, Kabel, Putz, Maler).
Leerrohre
Leerrohre von Keller nach oben -- später nicht ohne Aufmass. Kostet beim Erstbau nichts.
Neutralleiter an Schaltern
Später nachrüsteigen bedeutet neue Leitungen legen. Aufwand und Kosten hängen von der Bausubstanz ab, sind aber selten günstig.
Verteilergröße
Ein Verteiler der zu klein ist, kann später nicht einfach erweitert werden. Neuer Verteiler bedeutet Umverdrahtung. Plane großzügig.
Steckdosen in Aussenbereich
Einmal fertig geputzt, ist eine Aussensteckdose nachrüsteigen ein Aufstemmen.
Planung mit Architekt und Elektriker
Dein Architekt plant Grundrisse und Installationsplaene. Dein Elektriker setzt sie um. Aber keiner von beiden denkt automatisch an Smart-Home-Anforderungen -- das musst du aktiv einbringen.
Konkrete Gespraeche die du führen solltest:
Mit dem Architekten
- Technikraum einplanen (Mindestgröße: 4 bis 6 qm, klimatisiert oder zumindest kühl)
- Netzwerkkabel im Installationsplan für jeden Raum vermerken
- AP-Positionen in der Deckenplanung berücksichtigen
Mit dem Elektriker
- Neutralleiter an jedem Schalter: schriftlich bestätigten lassen
- Verteiler-Dimensionierung besprechen (Platz für Hutschienen-Geräte)
- PoE-Speisung für Netzwerk-APs klaren
- Steckdosen-Positionierung für spezifische Smart-Home-Geräte
Checkliste Neubau Smart Home
Vor dem Rohbau:
- [ ] Netzwerkkabel (Cat 6A oder Cat 7) in jeden Raum, sternförmig
- [ ] Leerrohre von Keller zu Dachboden und zwischen Etagen
- [ ] Neutralleiter an jedem Lichtschalter
- [ ] Steckdosen-Plan mit Smart-Home-Bedarfen überarbeitet
- [ ] PoE-Netzwerkdosen für AP-Positionen einplanen
- [ ] Technikraum dimensionieren (Netz, Server, Strom, Kühlung)
- [ ] Verteiler 30% größer als Basisplanung
Nach dem Rohbau, vor dem Einzug:
- [ ] Systementscheidung treffen (Zigbee + HA vs. KNX vs. Hybrid)
- [ ] Home Assistant installieren und testen
- [ ] Grundautomatisierungen einrichten (Präsenz, Heizung, Licht)
- [ ] Kamera-Positionen final entscheiden
Der Neubau ist kein Fehler wenn du die Checkliste erst jetzt siehst und schon im Rohbau bist. Neutralleiter und ein paar Leerrohre lassen sich noch nachtraegen, solange die Wände noch offen sind. Danach wird es teurer.
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