Am 20. November 2025 veröffentlichte die Connectivity Standards Alliance eine Pressemitteilung, die in normalen Medien kaum Beachtung fand. Matter 1.5 war fertig. Die Neuerungen klangen harmlos: Kameras, Fensterläden, Bodenfeuchte-Sensoren, Bewässerungssysteme. Nebenbei, in einem späten Absatz, stand, dass Matter jetzt auch TCP unterstützt — neben dem bislang alleinigen UDP.

Wer den Satz verstand, wusste: Das ist der Moment, in dem Matter erwachsen wird. TCP ist das, was man für Video-Streams braucht. Ohne TCP keine Kameras. Ohne Kameras kein vollständiges Smart-Home-Ökosystem. Anderthalb Jahre nach dem Launch von Matter 1.0 hat die CSA den großen technischen Nachzügler eingeholt.

Vier Monate später, am 31. März 2026, folgte Matter 1.5.1 mit weiteren Kamera-Verbesserungen — Multi-Stream, HEIC-Snapshots, verschiedene Klingeltöne für Doorbells. Die Aqara G350, die erste echte Matter-Kamera, kam kurz danach in die Läden. Aqara hat angekündigt, im ersten Halbjahr 2026 weitere zu bringen.

Und nirgendwo in diesem Timeline-Gewusel erklärt die Branche dem Käufer, warum die alte, simple Frage — soll der neue Smart-Plug über WiFi laufen oder über Thread? — immer noch die wichtigste Kaufentscheidung ist.

Matter ist nicht das Netzwerk. Matter ist das, was drüber läuft

Beginnen wir mit einer Klarstellung, die in Marketing-Texten konsequent verschwimmt. Matter ist kein Transport. Matter ist ein Anwendungsprotokoll. Es sagt, wie sich ein Lichtschalter und eine Lampe unterhalten — nicht, welcher Funkweg das Gespräch ermöglicht.

Das offizielle Matter-Handbuch unter handbook.buildwithmatter.com formuliert es unmissverständlich: Matter nutzt IPv6 für die operative Kommunikation. Als Übertragungsschichten sind in der aktuellen Spezifikation drei Techniken vorgesehen — Ethernet, Wi-Fi und Thread. Bluetooth Low Energy spielt nur während der Einrichtung eine Rolle, nicht im Betrieb.

Das heißt: Jedes Matter-Gerät, das man kauft, ist entweder ein Matter-over-WiFi-Gerät oder ein Matter-over-Thread-Gerät. Ethernet ist praktisch Routern und wenigen Hubs vorbehalten. Die Frage "Thread oder WiFi?" ist damit keine Detailfrage, sondern eine Grundsatzentscheidung.

Auf der Packung steht das in der Regel nicht. Manche Hersteller drucken "Works with Matter" oder "Matter over Thread", viele lassen den Zusatz weg. Wer nachsehen will, welchen Transport ein konkretes Gerät nutzt, findet die Information auf matterdatabase.com oder in der offiziellen Matter Device Compliance List der CSA. Eve Energy, die ältere Schwester der Matter-Smart-Plugs, ist laut Eve-Datenblatt eindeutig Thread-only. Die Tapo P110M von TP-Link läuft über WiFi. Gleiches Produktsegment, zwei verschiedene Welten.

Thread: Zigbees Cousin, der IPv6 spricht

Thread basiert auf demselben Funk-Layer wie Zigbee — IEEE 802.15.4 bei 2,4 GHz, typische Sendeleistung etwa 10 dBm in Europa. Die beiden Protokolle unterscheiden sich darin, was sie darüber stapeln. Zigbee stapelt einen eigenen, proprietären Protokollturm. Thread stapelt IPv6. Das ist der entscheidende Unterschied, denn Matter will IPv6 sprechen, und Zigbee kann das nicht.

Thread bildet ein selbstheilendes Mesh-Netzwerk. Jedes netzbetriebene Thread-Gerät kann als Router fungieren und Pakete für andere Thread-Geräte weiterleiten. Wenn ein Router ausfällt, wählt das Netz automatisch einen neuen Pfad. Das Ganze koordiniert ein sogenannter Thread Border Router, der die Brücke zwischen dem Thread-Mesh und dem normalen IP-Netz des Haushalts schlägt. Ohne Border Router kein Thread.

Border Router findet man inzwischen überall, auch wenn das kaum jemandem bewusst ist. Apple TV 4K der 2. und 3. Generation, HomePod und HomePod mini. Google Nest Hub der 2. Generation, Nest Hub Max, Nest Wifi Pro. Amazon Echo der 4. Generation, Echo Show 10, Echo Hub und fast das gesamte Eero-Router-Sortiment ab Eero 6+. Samsung SmartThings Hub v2 und v3, Aeotec Smart Home Hub, Nanoleaf Shapes und Lines.

Ein kleines Detail, das in den Datenblättern nicht auf der ersten Seite steht: Der Apple TV 4K der 3. Generation hat nur in der Wi-Fi+Ethernet-Version ein Thread-Radio. Die günstigere Wi-Fi-only-Variante hat keines. Die offizielle Apple-Support-Seite 102078 listet es explizit. Wer 25 Euro gespart hat, um zum Border Router zu kommen, hat den Border Router nicht bekommen.

Thread gibt es in zwei Versionen, die man im Jahr 2026 kennen muss. Thread 1.3 brachte im Juli 2022 die Anbindung an Matter und Multi-Border-Router-Unterstützung. Thread 1.4 wurde im September 2024 veröffentlicht und führt das entscheidende Feature ein, an dem die Ökosysteme seit Jahren scheitern: Credential Sharing. Ab 1. Januar 2026 ist Thread 1.4 die einzige Border-Router-Version, die die Thread Group noch zertifiziert. Ältere Geräte bekommen Firmware-Updates — oder bleiben stehen.

WiFi: das, was alle haben, und der Grund, warum Hersteller es lieben

Matter-over-WiFi nutzt genau das WLAN, das im Haushalt ohnehin läuft. 2,4 GHz, 5 GHz, bei Wi-Fi-6E und Wi-Fi 7 auch 6 GHz. Kein zusätzliches Radio, kein Border Router, keine Mesh-Logik.

Für den Hersteller ist das bequem, weil WiFi-Chips in chinesischen Fabriken seit Jahren in Massen produziert werden. Ein Thread-Chip kostet laut einer Analyse von Matter Alpha (Juli 2025) etwa einen US-Dollar mehr — pro Gerät. Bei einem Sensor für 12 Dollar ist das kein Rundungsfehler mehr. Entsprechend drängen viele Massenhersteller — Tapo, Tuya-basierte Marken, WiZ, Wyze — ihre Matter-Produkte in Richtung WiFi.

Der Preis, den man dafür zahlt, ist Strom. Wie groß der Unterschied genau ist, wird in Marketing-Material maßlos übertrieben. Die populäre Zahl "Thread ist 100-mal sparsamer als WiFi" ist in keiner Primärquelle der Thread Group belegt. Sie geistert durch Blogs, weil sie sich gut anhört.

Die belastbaren Zahlen sind deutlich spröder. Die Website ZigbeeGuru hat im März 2026 eine fundierte Auswertung veröffentlicht: Batteriebetriebene 802.15.4-Geräte (Thread und Zigbee) haben typische Standby-Ströme von 10 bis 200 Mikroampere. WiFi-Geräte im Standby liegen bei 1 bis 15 Milliampere. Das ist ein Faktor zwischen 10 und 100 — je nach Chip und Messmethode. Ein Eve Door & Window mit CR2450-Knopfzelle läuft damit zwei bis fünf Jahre. Ein WiFi-Tür-Sensor mit AA-Batterien hält Monate, im Idealfall.

Bei netzbetriebenen Geräten wie Smart-Plugs oder Deckenleuchten ist der Unterschied viel kleiner. Dort liegt der Standby-Verbrauch eines Thread-Plugs bei etwa 0,1 bis 0,5 Watt, ein WiFi-Plug bei 0,5 bis 2 Watt. Nicht dramatisch, aber auf zehn Geräte hochgerechnet und aufs Jahr gerechnet kommt da Geld zusammen.

Die Zahl, die Thread-Fans selten erwähnen

Jede Technologie hat eine Schwachstelle, die in Broschüren nicht vorkommt. Thread hat eine. Sie heißt Route-Recovery.

Wenn in einem Mesh-Netzwerk ein Intermediate-Router ausfällt — weil jemand einen Stecker gezogen hat, weil ein Plug abgestürzt ist, weil ein Firmware-Update läuft — müssen die anderen Knoten einen neuen Pfad finden. Das dauert. Wie lange es dauert, hat im März 2026 das Politecnico Milano in einer Studie gemessen (arXiv 2603.04221).

Die Ergebnisse sind unbequem. Zigbee findet im Schnitt in 0,36 Sekunden einen neuen Pfad. Thread braucht im gleichen Test 23,97 Sekunden. Standardabweichung bei Thread 4,45 Sekunden. Das ist kein statistischer Ausreißer. Das ist die Regel.

In der Praxis heißt das: Wenn in der Küche ein Thread-Plug neu startet und zufällig als Routing-Knoten für den Flurschalter diente, kann der Flurschalter 20 Sekunden lang stumm sein. Die Lampe bleibt an. Der Bewohner drückt noch mal. Nichts. Er denkt, das Smart Home sei kaputt.

Das ist der Preis, den IPv6 über 802.15.4 zahlt. Das komplexere Routing, die IPv6-Adressauflösung, die Notwendigkeit, einen Leader neu zu wählen — alles sauber definiert, alles zuverlässig, alles langsam.

Die andere Seite der Medaille ist die Einzel-Hop-Latenz. Die gleiche Politecnico-Studie misst für 50-Byte-Pakete über Matter-over-Thread etwa 35 Millisekunden Round-Trip-Zeit im stabilen Betrieb. Zigbee kommt auf 24 Millisekunden. WiFi im lokalen Netz ist oft noch schneller, typisch unter 10 Millisekunden. Thread gewinnt gegenüber Zigbee, wenn das Netz skaliert und wenn Strom sparen zählt. Es gewinnt nicht bei roher Latenz. Wer sein Smart Home danach beurteilt, wie schnell ein Knopfdruck das Licht umlegt, wird mit WiFi-Matter oft genauso zufrieden sein.

Die Fragmentierung, die keiner löst

Der eigentliche Skandal bei Thread ist nicht das Protokoll. Es ist die Politik.

Seit Jahren bauen Apple, Google und Amazon Thread-Border-Router in ihre Geräte ein — und reden konsequent aneinander vorbei. Drei Haushalte, drei Ökosysteme, drei voneinander isolierte Thread-Netze. Wer ein Eve-Gerät in Apple Home und in Google Home gleichzeitig nutzen wollte, musste es im schlimmsten Fall zweimal einrichten, weil die Border Router keine gemeinsamen Credentials teilten.

Thread 1.4 hat dieses Problem technisch gelöst. Das Credential-Sharing-Feature ist in der Spezifikation Pflicht für jeden 1.4-Border-Router. Espressif hat das in seinem Entwickler-Blog im Januar 2026 noch einmal betont: "Credentials Sharing is a mandatory feature for Thread 1.4 Border Routers."

Die Realität ist komplizierter. The Verge hat im Juni 2025 den zu erwartenden Rollout analysiert. Apple brachte Thread 1.4 mit tvOS 26 auf Apple TV und HomePod OS 26 auf den HomePod. Samsung SmartThings rollte das Update bereits im September 2025 auf Hub v2 und v3 und Aeotec Smart Home Hub aus — Matter Alpha titelte zu Recht, dass SmartThings damit als erstes großes Ökosystem das Feature in den Alltag brachte. Google und Amazon waren in "varying stages of testing and rollout". Bitdefender prognostizierte im September 2025, dass die vollständige Interoperabilität 2026 eintreten werde — vielleicht.

Wer heute ein Matter-Gerät über Thread nutzen will und nicht im Apple-Kosmos gefangen sein möchte, fährt mit Home Assistant und dem Connect ZBT-2 am sichersten. Der USB-Stick kostet 45 Euro, enthält ein Silicon-Labs-MG24-Radio plus einen ESP32-S3 als Serial-Bridge und kann Zigbee und Thread gleichzeitig. Das war beim Vorgänger SkyConnect nicht reibungslos möglich. Home Assistant selbst ist als Matter-Controller und als Thread-Border-Router völlig herstellerneutral.

Ein Detail, das die Thread-Gruppe fast nie betont

Wer seinen Haushalt auf Thread umstellt, bekommt nicht automatisch ein Mesh. Die meisten Thread-Geräte sind Sleepy End Devices oder Minimal End Devices. Sie schlafen die meiste Zeit und können das Mesh nicht erweitern. Nur netzbetriebene Thread-Geräte — Plugs, Lampen, manche Hubs — werden zu Routern und tragen das Netz.

Matter Alpha hat diese Nuance im Juli 2025 in einem Explainer erklärt: "Very few of them will contribute to it by extending the mesh. Anything running from a battery is a low-power minimal end client only." Wer sein Haus nur mit Thread-Tür- und Fenstersensoren füllt und keinen einzigen Thread-Plug dazwischensetzt, bekommt ein sternförmiges Netz, das ausschließlich am Border Router hängt. Die Reichweite ist dann die des Radios im Border Router — Punkt.

Die typische Empfehlung lautet deshalb: Ein Border Router plus mindestens zwei bis drei netzbetriebene Thread-Geräte (Plugs, smarte Lampen) pro Etage. Dann entsteht ein echtes Mesh, das auch entfernte Batterie-Geräte erreicht.

Konkret: Wer soll jetzt was kaufen?

Die Entscheidung zwischen Thread und WiFi lässt sich, wenn man das Thema einmal durchdacht hat, auf drei Regeln reduzieren.

Kleine, batteriebetriebene Geräte gehören über Thread. Türsensoren, Fenstersensoren, Bewegungsmelder, Lichtschalter, Türschlösser. Eve Door & Window, Eve Motion, Aqara P2 Türsensor, Yale Assure Lock SL — alles solide Thread-Geräte mit dokumentierter Matter-Zertifizierung. Die Batterielaufzeit ist der Grund. Nebenbei belastet man das WLAN nicht mit Dutzenden zusätzlichen Clients. Netzbetriebene Helfer gehen beides. Smart-Plugs, Lampen, Heizungsventile — hier ist der Energiespar-Vorteil kleiner, aber Thread bringt Mesh-Dichte, und WiFi belastet den Router. Ich würde netzbetriebene Geräte bevorzugt über Thread wählen, wenn der Preis vergleichbar ist. Eve Energy (Thread), Nanoleaf Essentials (Thread), Shelly 1PM Gen4 (Thread) sind gute Kandidaten. Alles, was viel Daten schiebt, gehört zwingend ins WiFi. Kameras, Video-Doorbells, Lautsprecher, Displays. Thread hat gar nicht die Bandbreite dafür. Die Matter-1.5-Kameraunterstützung ist für Gigabit-WiFi gedacht, nicht für 802.15.4. Aqara G350, Tapo-Matter-Kameras, Ring-Doorbells — immer WiFi.

Und eine praktische Warnung für 2026: Der Matter-Markt ist voll von Geräten, die "Matter compatible" heißen, aber nie zertifiziert wurden. Eine echte Matter-Zertifizierung kostet den Hersteller laut Matter Alpha mehrere zehntausend Dollar pro Produkt. Der CSA-Jahresbeitrag für einen Board-Sitz liegt bei 105.000 US-Dollar — das zahlen die Promoter wie Apple und Google. Kleinere Hersteller drücken sich davor, und Billig-Plugs aus dem Tuya-Ökosystem sind oft nicht zertifiziert, sondern nur "compatible". Die offizielle Matter Device Compliance List auf csa-iot.org zeigt, wer dabei ist.

Was 2026 noch kommt

Zwei Entwicklungen sind sicher, eine ist wahrscheinlich.

Sicher: Der EU Cyber Resilience Act ist seit 10. Dezember 2024 in Kraft. Ab dem 11. September 2026 gelten Meldepflichten für Sicherheitslücken in vernetzten Geräten. Ab Dezember 2027 ist die vollständige Anwendung erreicht. Jedes Matter-Gerät, das nach diesen Daten in der EU verkauft wird, muss Security-by-Design, dokumentierte Vulnerability-Handhabung und Lifecycle-Support nachweisen. Für große Hersteller ist das kein Problem; für kleine Tuya-basierte Marken wird es eng. Der Matter-Markt wird sich bereinigen. Sicher: Thread 1.4 Border Router werden überall. Apple hat nachgezogen, Samsung ist durch, Google und Amazon kommen. Credential Sharing wird im Lauf von 2026 zur Normalität — nicht, weil Matter-Käufer das fordern, sondern weil niemand mehr ein Thread-1.3-Gerät zertifizieren kann. Wahrscheinlich: Matter 1.6 oder 1.5.2 bringen weitere Energie- und Closure-Verbesserungen. Ein fixes Datum existiert nicht, und wer in einem Artikel liest, dass Matter 1.6 "im Sommer 2026" erscheint, zitiert Gerüchte aus Industrie-Chats, keine Primärquelle.

Was sicher nicht kommt: Ein einziger, universeller Funk-Standard, der alle Entscheidungen überflüssig macht. Thread und WiFi werden nebeneinander bestehen, weil sie verschiedene Probleme lösen. Die einzig gute Nachricht: Matter sorgt dafür, dass das aus Käufersicht weitgehend egal ist. Die Steuer-App muss es nicht wissen. Der Hersteller muss es nicht bewerben. Aber wer sein Haus auslegt — die Batterie-Sensoren über Thread, die Kameras über WiFi, den Border Router nicht im hintersten Zimmer — hat eine Chance, dass es am Ende auch funktioniert, wenn der Router zwei Sekunden gezuckt hat.

Der HomePod mini in meinem Flur ist übrigens nur deshalb angeschlossen. Wir reden nicht mit Siri, wir spielen keine Musik darüber ab. Er ist komplett nutzlos — außer, dass er mein Thread-Netz zusammenhält. In einem Tweet von Matter Alpha vom Juli 2025 schreibt James Bruce genau dasselbe über sein HomePod Mini. Offenbar sind wir ziemlich viele.