Es gibt diesen Moment, der jedem Smart-Home-Bewohner früher oder später passiert. Sie kommen mit Einkaufstüten in der einen Hand und dem Hund in der anderen aus der Garage zurück, drücken den App-Button für das Tor, und nichts passiert. Das Tor steht halb offen, der Hund will rein, der Regen wird stärker, und Sie müssen die Tüten abstellen, das Telefon entsperren, durch zwei Apps blättern, weil das Tor zu Chamberlain gehört, die Lampe drinnen aber zu Hue, und keine der beiden Apps weiß von der anderen. Sie schließen das Tor manuell mit dem Funksender, der seit drei Jahren in der Schublade liegt, weil Sie ja eigentlich Smart Home haben.

Genau dieser Moment, multipliziert mit Markisen, die bei Wind nicht automatisch einfahren, weil der Hersteller-Hub nicht mit der Wetterstation spricht, oder Türklingeln, die sich weigern, ihren Stream an die Apple-Watch zu schicken, ist der Grund, warum die Connectivity Standards Alliance in Matter 1.5 angefasst hat, was ihre Vorgänger drei Jahre lang ausgespart haben. Im November 2025 hat die CSA die neue Version verabschiedet, und seit Ende März 2026 läuft mit 1.5.1 die erste Aktualisierung. Zum ersten Mal sind Kameras, Türklingeln, Garagentore, Markisen und Bodenfeuchte-Sensoren Teil des offiziellen Standards, und nicht mehr Notlösungen über Workarounds.

Dieser Artikel sortiert, was wirklich neu ist, welche Hubs heute schon mitspielen und welche im Mai 2026 noch hinterherhinken. Und er macht eine Sache klar, die in den ersten Pressemitteilungen gerne untergeht: Matter 1.5 ist eine Spezifikation. Die Geräte und die Hub-Software müssen nachziehen, und das Tempo dieser Anpassung unterscheidet sich zwischen den Anbietern erheblich.

Was Matter 1.5 tatsächlich ausspricht

Drei grosse Kategorien wurden neu in den Standard aufgenommen: Cameras, Closures, Smart Garden. Dazu kommen Erweiterungen im Energie-Bereich, die aufbauen auf den Clustern, die schon Matter 1.4 eingeführt hatte und über die wir im Praxisbericht zu Matter 1.4 in Home Assistant im April geschrieben haben.

Cameras: neun Gerätetypen, ein Protokoll

Die Kategorie Cameras umfasst neun Gerätetypen, und das ist relevant, weil die Spezifikation damit jeden gängigen Anwendungsfall abdeckt: Camera, Floodlight Camera, Video Doorbell, Audio Doorbell, Intercom, Snapshot Camera, Chime, Camera Controller und Doorbell (Matter Alpha, "What is a Matter camera"). Die Unterschiede liegen in den Pflicht-Clustern: Der Basis-Typ Camera braucht das Cluster Camera AV Stream Management, die Snapshot Camera ist auf Akkubetrieb optimiert und kann nur Einzelbilder, dafür aber jahrelang aus einer Batterie. Die Audio Doorbell ist die klassische Klingel ohne Bild, mit der für Bewohner einer Mietwohnung oft schon alles erschlagen ist.

Technisch läuft das alles über WebRTC, also dieselbe Echtzeit-Übertragungstechnik, die auch hinter Browser-Videocalls steckt. Das hat zwei praktische Konsequenzen. Erstens: Die Latenz beim Streaming ist niedrig genug für Türklingel-Gespräche, in denen der Paketbote nicht zehn Sekunden auf die Antwort wartet. Zweitens: WebRTC unterstützt von Haus aus Verschlüsselung, lokalen wie remoten Zugriff (über STUN- und TURN-Server) und Multi-Stream-Setups, in denen eine Kamera gleichzeitig einen 4K-Stream zur Speicherung, einen 720p-Stream zur Smartphone-App und einen Stream für lokale KI-Erkennung liefert.

Multi-Stream ist genau das, was 1.5.1 gegenüber 1.5 verfeinert hat. Die Aktualisierung vom 31. März 2026 fügt native Unterstützung für simultane Streams in unterschiedlicher Qualität hinzu, präzisiert die Pan-Tilt-Zoom-Steuerung und ergänzt moderne Codec-Optionen wie HEIC für Snapshots und HLS/DASH für Cloud-Uploads (Matter Alpha, "Matter 1.5.1 adds camera enhancements").

Eine Kombination, die für Datenschutz-bewusste Nutzer wichtig ist: Matter-Kameras sind Multi-Admin-fähig. Sie können denselben Stream gleichzeitig in Apple Home, Home Assistant und Google Home anbinden, ohne dass jeder Hub eine eigene Cloud-Verbindung zum Hersteller braucht. Christopher LaPré von der CSA formuliert das so: "Matter cameras fully support Multi-Admin and will allow for multiple ecosystems to simultaneously consume the same video stream." (Matter Alpha, Matter 1.5 Announcement)

Closures: Garagentor und Markise endlich keine Steckdose mehr

Die Closures-Kategorie ist die, die im Alltag den grössten Unterschied macht, auch wenn sie weniger Schlagzeilen produziert hat als die Kameras. Bisher kannte Matter nur zwei Arten von beweglichen Hindernissen: Türschlösser und Fensterabdeckungen ("Window Coverings"). Wenn ein Hersteller ein Garagentor, eine Markise oder ein Hoftor anbinden wollte, musste er eines davon auswählen und alle Eigenheiten seiner Mechanik in dieses Korsett pressen. Eine Markise als "Window Covering" zu deklarieren ist ungefähr so präzise, als würden Sie einen Lieferwagen als "Personenkraftwagen" anmelden (matter-smarthome.de, "Matter 1.5 Arrives").

Mit 1.5 ersetzt ein modulares Cluster-Design diese Notlösung. Die Spezifikation kennt jetzt einzelne Bewegungstypen ("sliding", "swinging", "tilting"), die sich kombinieren lassen, und sie unterstützt Geräte mit ein oder zwei Panels sowie verschachtelte Mechanismen. Daraus wird in der Praxis: Ein doppelflügeliges Hoftor und ein einfaches Sektionaltor verwenden dieselbe Cluster-Logik, aber unterschiedliche Konfigurationen. Eine Markise mit Wind- und Regensensor, ein Rollladen mit Lichtsensor und ein elektrisches Dachfenster passen alle in dieselbe Architektur, ohne dass jeder Hersteller eigene Cluster definieren muss.

Was das für den Heimnutzer bedeutet: Die Antwort auf die Frage "Habe ich das Garagentor geschlossen, bevor wir nach Italien gefahren sind?" ist in Matter 1.5 eine standardisierte Status-Abfrage und kein App-Roulette. Und Sicherheitsregeln, die heute in jeder Hersteller-App neu erfunden werden müssen ("Stoppe das Tor, wenn ein Sensor während der Bewegung Hindernis meldet"), sind als Standard-Verhalten definiert.

Gerätetechnisch laufen die ersten echten Matter-1.5-Closures gerade an. Der ThirdReality Smart Garage Door Opener ist seit Anfang 2026 vorbestellbar und ist eines der ersten Geräte, das den neuen Cluster-Typ direkt benutzt, statt sich als Schalter auszugeben. Der SwitchBot Garage Door Opener fällt noch in die alte Kategorie, hat aber Firmware-Updates auf den 1.5-Typ angekündigt.

Smart Garden: Bodenfeuchte plus Ventil ist eine echte Lösung

Mit 1.5 zieht der Smart-Home-Standard zum ersten Mal in den Garten. Das Cluster Soil Measurement definiert Sensoren, die Bodenfeuchte und optional Bodentemperatur melden. Kombiniert mit den Wasserventil-Geräten, die Matter schon in 1.3 eingeführt hatte, und mit den neuen Irrigation-System-Typen aus 1.5 entsteht zum ersten Mal ein vollständiger Standard-Stack für automatische Gartenbewässerung (CSA-IOT, "Matter 1.5 Introduces Cameras, Closures and Enhanced Energy Management").

In der Praxis heisst das: Ein Bodenfeuchte-Sensor unter der Tomate meldet Trockenheit, der Hub aktiviert das Ventil, das Wasser läuft, der Sensor meldet Feuchte zurück, das Ventil schliesst. Bisher war jeder dieser Schritte ein eigenes Ökosystem mit eigenem Hub, eigener App und eigener Cloud. Erste Hardware kommt von Grimsholm aus Schweden; in Deutschland sind die ersten Produkte noch nicht im Handel.

Energie: Bidirektionales Laden bekommt einen Standard

Auf der Energie-Schiene baut 1.5 auf dem auf, was 1.4 schon eingeführt hat. Drei Neuerungen sind relevant: ein neuer Gerätetyp Electrical Energy Tariff, der Echtzeit- und Prognose-Strompreise sowie CO2-Daten zwischen Energieversorgern, Netzbetreibern und Endgeräten austauscht; verbesserte Messstellen-Cluster für komplexe, zeitvariable Tarife; und Erweiterungen für Wallboxen, die Ladezustand des Fahrzeugs und bidirektionales Laden (V2H, V2G) standardisieren.

Bidirektionales Laden ist in Frankreich und Japan bereits Realität und in Deutschland noch in der Vorbereitung; mit der Standardisierung in Matter wird es leichter, ein V2H-System aus Komponenten unterschiedlicher Hersteller aufzubauen, statt sich an ein geschlossenes Ökosystem zu binden.

Was funktioniert heute

Die Spezifikation ist verabschiedet. Was im Wohnzimmer ankommt, hängt am Hub. Hier der Stand Anfang Mai 2026.

HubKamerasClosures (neu)Soil/IrrigationMulti-Admin
SmartThingsJa, seit Februar 2026In VorbereitungNeinJa
Apple HomeNeinTeilweise (alte Kategorien)NeinJa
Google HomeNein (noch 1.0-Implementation)TeilweiseNeinJa
Home AssistantNein, RoadmapDiskussion offenNeinJa
SwitchBot Hub 2NeinEigene Garage-LösungNeinJa
SmartThings ist der erste Hub, der Matter-1.5-Kameras nativ verarbeitet. Samsung hat noch im November 2025 angekündigt, dass die Plattform die neuen Spezifikationen umsetzt, und seit Februar 2026 ist die Funktion in der App (SmartThings Blog, Matter 1.5 Camera Support). Die ersten Geräte kommen von Aqara, Eve und Xthings; Aqaras erste Matter-Kamera erschien im April 2026.

Apple Home ist im Mai 2026 noch beim Matter-1.4-Implementierungsstand. Apple hat sich öffentlich nicht zu einem Zeitplan für 1.5 geäussert. Hintergrund: Apple betreibt mit HomeKit Secure Video bisher ein eigenes, geschlossenes Verschlüsselungs- und Speicherkonzept für Kameras, das nicht trivial mit einem WebRTC-basierten offenen Standard verschmilzt. Es gibt keine offizielle Aussage darüber, ob Apple Matter 1.5 Cameras parallel zu HomeKit Secure Video unterstützen wird oder ob HKSV langfristig durch den Standard ersetzt wird. Wer eine HomePod mini im Wohnzimmer als Thread-Border-Router betreibt, sollte für Kameras im Sommer 2026 immer noch HKSV-kompatible Modelle (Aqara, Eve, Logitech) einplanen.

Google Home ist in einer noch ungünstigeren Position. Google Home hängt im Frühjahr 2026 weiterhin auf einer Implementierung, die nicht über Matter 1.0 hinausgeht. Geräteklassen, die Matter 1.2 und 1.3 eingeführt haben (Roboter-Staubsauger, Geschirrspüler, Luftreiniger), funktionieren mit Google Home schon nicht zuverlässig. Auf 1.5 zu warten, ist im Frühjahr 2026 verfrüht.

Home Assistant ist auf dem Weg zu 1.5, aber noch nicht da. Die Open Home Foundation hat im April 2026 begonnen, das Matter-Server-Backend von der C++-Bibliothek auf Matter.js umzustellen, ein leichtgewichtiges JavaScript-Implementation, das vom Entwickler Ingo Fischer an die Foundation gespendet wurde. Der Hintergrund dieser Migration ist die geplante offizielle Zertifizierung als Matter-Hub. Solange die Migration läuft, sind Funktionserweiterungen am alten Backend selten. In den Diskussionen auf GitHub heisst es von Seiten der Entwickler, dass Matter-Cameras "auf der Roadmap" stehen, aber dass vor der Implementierung erst grundlegende Dinge wie 2-Wege-Audio für Türklingeln in den Home-Assistant-Core integriert werden müssen (GitHub home-assistant Discussion #2596). Eine konkrete Zeitangabe gibt es nicht.

Was bleibt unklar

Drei Punkte, die in der offiziellen CSA-Pressemitteilung sehr selbstbewusst klingen, im praktischen Betrieb aber noch offen sind:

Erstens: Die Cloud-Frage bei Kameras. Matter spezifiziert das Übertragungsprotokoll und das Datenformat. Es spezifiziert nicht, wo die Aufnahmen gespeichert werden. Ein Hersteller kann eine Matter-Kamera bauen, die WebRTC korrekt spricht, aber ihre Aufnahmen ausschliesslich in der eigenen Cloud ablegt und für Nutzer ohne Abo nur Live-View bietet. Wer wirklich lokal speichern will, muss explizit nach Modellen mit microSD-Karten-Slot oder NAS-Anbindung suchen. Der Standard schützt nicht automatisch vor Cloud-Zwang. Zweitens: HomeKit Secure Video, Nest Aware, Tapo Care. Diese Cloud-Dienste haben jeweils eigene Verschlüsselungs- und Erkennungsfeatures (Personen-Wiedererkennung, Gesichts-Tags, Aktivitätszonen mit KI). Matter 1.5 spezifiziert die Übertragung, aber nicht diese Mehrwertfunktionen. Es ist offen, ob die grossen Cloud-Anbieter ihre Premium-Features für Matter-Kameras öffnen oder ob sie auf eigenen Streams bestehen. Aktuell sieht es so aus, als würden sie eigene Streams bestehen lassen, weil dort ihr Geschäftsmodell sitzt. Drittens: Die Gerätehersteller-Zertifizierung. Ein Gerät, das "Matter 1.5 fähig" auf der Verpackung trägt, kann formal die Spezifikation erfüllen und trotzdem in einem konkreten Hub schlecht laufen. Die Zertifizierung garantiert nur, dass das Gerät sich an die Cluster-Definition hält. Die Implementierungsqualität in der Hub-Software bleibt eine separate Variable. Wer im Frühsommer 2026 die ersten Matter-1.5-Kameras kauft, sollte mit ein paar Wochen Firmware-Iteration rechnen, bevor das Setup wirklich rund läuft. Das war bei Matter 1.0, 1.2 und 1.4 nicht anders.

Was hat sich seit Matter 1.4 verändert

Wer den Praxisbericht zu Matter 1.4 in Home Assistant gelesen hat, findet in 1.5 eine Verschiebung des Fokus. 1.4 hat im November 2024 die Energie-Cluster eingeführt, also EVSE, Wechselrichter, Wärmepumpen, und damit zum ersten Mal ein Versprechen aus dem ursprünglichen Marketing-Pitch von 2022 eingelöst. 1.5 löst das nächste ein: Cameras, Doorbells, Closures, Garden. Damit deckt der Standard mit Stand Mai 2026 die grossen Geräteklassen ab, die der durchschnittliche deutsche Smart-Home-Bewohner zu Hause hat.

Was 1.5 nicht löst, ist das Hub-Problem. Matter ist ein Standard, an den sich Hub-Hersteller halten können. Sie sind nicht gezwungen, jede Spezifikationsversion sofort umzusetzen. SmartThings ist seit drei Jahren der schnellste Adapter, Apple und Google sind träger, Home Assistant ist im Frühjahr 2026 in einer Übergangsphase. Wer 2026 ein Smart Home auf Matter aufbauen will, sollte den Hub nach der Update-Geschwindigkeit auswählen und nicht nach dem schönsten App-Design.

Praktischer Rat für den Frühsommer 2026

Wer im Mai oder Juni 2026 ein neues Gerät kauft, sollte drei Punkte prüfen:

  1. Steht "Matter 1.5" oder "Matter 1.5.1" auf der Verpackung? Wenn nur "Matter" steht, ist das Gerät vermutlich auf 1.3 oder 1.4 zertifiziert und nutzt die alten Cluster. Das ist nicht schlimm, sollte aber bewusst sein.
  1. Gibt es eine Multi-Admin-Beschreibung? Geräte, die Multi-Admin explizit unterstützen, lassen sich parallel in Apple Home und Home Assistant einbinden. Das ist die wertvollste Eigenschaft, weil sie Sie vor dem Lock-in eines einzelnen Ökosystems schützt.
  1. Hat das Gerät einen lokalen Speicher? Bei Kameras heisst das microSD-Slot oder Anbindung an einen lokalen Hub. Bei Closures heisst das Status-Reporting auch ohne Cloud-Verbindung. Wer Matter wegen der Cloud-Unabhängigkeit kauft, sollte sicherstellen, dass das Gerät auch ohne Internetverbindung tut, was es soll.
Der grösste Vorteil von Matter 1.5 ist nicht, dass plötzlich alles funktioniert. Es ist, dass die nächsten zwei Jahre Geräteklassen freigeschaltet sind, die bisher in Insellösungen gefangen waren. Garagentor, Markise, Türklingel, Bewässerung sind ab jetzt Teil eines gemeinsamen Standards. Das ändert nicht heute Abend Ihren Alltag. Aber wenn Sie Ende 2027 ein neues Gerät kaufen, wird die Wahrscheinlichkeit deutlich höher sein, dass es ohne App-Akrobatik mit dem Rest Ihres Hauses spricht.

Quellen

Hero-Bild: Andrey Matveev / Pexels (ID 34241691)