Herr Wehrmann aus Nürnberg hat seit 2019 eine Homematic-CCU3 in seinem Keller stehen, an der 47 Homematic-und-Homematic-IP-Geräte hängen, verteilt über ein Einfamilienhaus mit 165 Quadratmetern, drei Etagen und einem Gartenhäuschen. Heizkörperthermostate in jedem Raum, Fensterkontakte an 22 Fenstern, Bewegungsmelder im Flur und im Bad, drei Rauchmelder, zwei Wandthermostate mit Feuchte-Sensor und die Rollladenaktoren für die vier Südfenster im Wohnzimmer sind über die Jahre gewachsen. Als er im Juli 2025 die Pressemitteilung von eQ-3 gelesen hat, in der die Übergabe der CCU3-Weiterentwicklung an die Homematic-Community angekündigt wurde, hat er zwei Wochen geschwitzt. Die Frage, die ihn umtrieb: Wird seine Anlage 2027 noch funktionieren, oder muss er 3000 Euro in neue Hardware investieren, weil sein Bestandssystem nicht mehr gewartet wird? Die Antwort auf diese Frage ist komplizierter als die eQ-3-Pressemitteilung glauben macht und hat sich im Laufe des letzten Jahres schrittweise geklärt.
Dieser Artikel geht die eQ-3-Übergabestrategie durch, ordnet die OpenCCU-Realität nach über einem Jahr Community-Entwicklung ein, benennt die drei Wege, die Bestandsnutzer nun haben, und beschreibt, welche Entscheidung für welche Anlagenkonfiguration die richtige ist. Er ist geschrieben für die geschätzt 800 000 CCU3-Nutzer im deutschsprachigen Raum, die vor der Frage stehen, ob sie bei ihrer bestehenden Zentrale bleiben, auf die neue Home Control Unit umsteigen oder das Feld komplett wechseln.
Was eQ-3 im Juli 2025 tatsächlich angekündigt hat
Die Pressemitteilung vom 8. Juli 2025 war in ihrer Sprache diplomatisch, in ihren Konsequenzen aber deutlich. eQ-3 gab bekannt, die Weiterentwicklung der CCU3 schrittweise in die Hände der Homematic-Community zu übergeben. Bis Ende 2026 werden neue Homematic-IP-Produkte herstellerseitig noch in die CCU3-Firmware integriert. Ab 2027 sollen Nutzer eigene Anpassungen vornehmen können, um neue Smart-Home-Komponenten zu integrieren, unter dem Namen OpenCCU. Vertrieblich wandert die CCU3 nach einer Übergangsphase exklusiv zum Online-Händler ELV, wo sie weiterhin verfügbar sein soll, aber nicht mehr im breiten Fachhandel.
Der Hintergrund ist die Markteinführung der Homematic IP Home Control Unit im September 2024, die eQ-3 als offizielle Nachfolgerin positioniert. Diese neue Zentrale bringt eine EEBUS-Schnittstelle für PV-Anlagen, Energiemonitoring, eine App-Steuerung und einen optionalen Offline-Modus mit. Die Home Control Unit hat eine Connect-API und Plugin-Unterstützung, was dedizierte Erweiterungen ermöglicht. Bei einem Umstieg von einem Homematic-IP-Access-Point oder einer CCU3 auf die Home Control Unit bietet eQ-3 eine automatische Systemübertragung an, die die bestehenden Gerätekonfigurationen und Zeitpläne übernimmt.
Ralph Bertelt, Vorstand der eQ-3 AG, hat die Übergabe in seinem O-Ton positiv gerahmt: Die Homematic-Community habe schon immer mit Fachkenntnis und Erfindergeist an der Individualisierung des Systems gearbeitet, und diese Community soll nun die Weiterentwicklung tragen. Das ist wirtschaftlich für eQ-3 nachvollziehbar, weil ein Produkt mit acht Jahren Marktreife und stagnierender Neuentwicklung wirtschaftlich kein Zugpferd mehr ist. Für die Bestandsnutzer bedeutet die Ansage aber, dass sie in eine neue Phase des Produktlebenszyklus eintreten, in der die eigenen Verantwortlichkeiten anders verteilt sind.
Wie sich OpenCCU seit der Ankündigung entwickelt hat
Der Community-Entwickler Jens Maus hat parallel zur eQ-3-Übergabe die OpenCCU-Distribution ausgebaut, die eigentlich schon seit einiger Zeit existiert und auf der offiziellen OCCU-Codebase von eQ-3 aufbaut. Die OpenCCU ist ein alternatives, quelloffenes Betriebssystem für die CCU3-Hardware sowie für Third-Party-Plattformen wie Raspberry Pi 4/5, ELV Charly und diverse Virtualisierungs-Umgebungen. Die Version 3.87.6.20260313, freigegeben am 13. März 2026, hat volle Kompatibilität zur eQ-3-eigenen CCU3-Firmware in gleicher Versionsnummer hergestellt und bringt eine Reihe von Verbesserungen mit.
Konkret unterstützt die neue Version das Update der Java-Grundversion auf Java21, was 64-Bit-fähige Hardware voraussetzt und bestimmte alte Plattformen wie den Raspberry Pi Zero und die 32-Bit-Docker-Container abkündigt. Für die aktuellen Homematic-IP-Geräte, die in den letzten Firmware-Updates dazugekommen sind, bringt sie Easymodes und aktualisierte Kanalkonfigurationen mit. Die WebUI wurde auf CodeMirror 5.65.21 aktualisiert. Der zugrundeliegende Linux-Kernel ist auf Version 6.12.76 gehoben, und Tailscale, ein VPN-Tool für den Fernzugriff, ist auf Version 1.94.2 verfügbar.
Die praktische Konsequenz: OpenCCU funktioniert. Sie ist stabil, wird regelmäßig aktualisiert, integriert neue Homematic-IP-Geräte innerhalb weniger Wochen nach eQ-3-Release und hat mit einem Wiki, einem Forum und einer aktiven Community-Präsenz eine belastbare Infrastruktur. Für Herrn Wehrmann und die anderen 800 000 CCU3-Nutzer bedeutet das: Der Umstieg von der offiziellen eQ-3-Firmware auf OpenCCU ist ab 2027 die naheliegende Fortsetzung, wenn eQ-3 die eigene CCU3-Wartung einstellt.
Die drei realistischen Wege für Bestandsnutzer
Für einen bestehenden CCU3-Betreiber im Sommer 2026 ergeben sich drei Wege, die je nach Konfiguration, technischem Anspruch und Budget unterschiedlich passen.
Der erste Weg ist der Verbleib auf der CCU3 mit Umstieg auf OpenCCU spätestens 2027. Dieser Weg ist kostenneutral in der Hardware, weil die bestehende CCU3 weiter genutzt wird. Der Aufwand für die Installation von OpenCCU liegt bei etwa zwei Stunden, umfasst ein Backup der bestehenden Konfiguration, das Aufspielen des OpenCCU-Images und die Wiederherstellung des Backups. Die Community-Dokumentation ist ausführlich und für erfahrene Homematic-Nutzer gut nachvollziehbar. Der Vorteil dieses Wegs ist die Kontinuität: Alle Geräte, Zeitpläne, Verknüpfungen und Skripte laufen weiter wie bisher, es kommen nur schrittweise Verbesserungen dazu. Der Nachteil ist die Abhängigkeit vom Community-Engagement, das aktuell stark ist, aber langfristig nicht garantiert werden kann.
Der zweite Weg ist der Umstieg auf die Homematic IP Home Control Unit als offizielle Nachfolgerin. Diese Zentrale kostet aktuell zwischen 279 und 349 Euro und bietet die automatische Systemübertragung von der CCU3. Die neuen Funktionen wie EEBUS-Anbindung, Energiemonitoring und die überarbeitete App sind für PV-Anlagen-Besitzer und Wallbox-Nutzer relevant. Bemerkenswert ist die im August 2026 angekündigte kostenlose Freigabe der EEBUS-LPC/LPP-Funktionen bis Ende 2027 mit anschließender Überführung in ein kostenpflichtiges Home Energy Management System, das aber nicht automatisch aktiviert wird. Der Vorteil dieses Weges ist die offizielle Herstellergarantie und die Integration neuer Produkte am Tag der Markteinführung. Der Nachteil ist die Investition und die Tatsache, dass klassische Homematic-Geräte, die nicht Homematic IP sind, unterschiedlich gut unterstützt werden.
Der dritte Weg ist der Wechsel zu Home Assistant mit Homematic-IP-Anbindung über den offenen Homematic-IP-Client. Dieser Weg bedeutet, die CCU3 als reine Funkbrücke zu nutzen oder komplett durch einen Homematic-IP-Access-Point mit lokalem Zugriff zu ersetzen. Home Assistant übernimmt die Automatisierung, die Gruppierung, die Dashboards und die Schnittstellen zu anderen Systemen wie Zigbee, Matter, Thread, Sprachassistenten und so weiter. Die Migration ist aufwendiger, bringt aber die Freiheit einer plattformunabhängigen Zentrale mit deutlich mehr Integrationsmöglichkeiten. Wer bereits mit Home Assistant liebäugelt und ohnehin gemischte Ökosysteme betreibt, findet in diesem Weg die vielseitigste Lösung.
Was für welche Konfiguration passt
Die Wahl zwischen den drei Wegen hängt weniger vom Gerätepark ab, den man heute hat, als von dem, wohin man 2027 und 2028 gehen will.
Wer eine reine Homematic-und-Homematic-IP-Konfiguration hat, keine oder wenige Fremdsysteme dazuintegrieren möchte und die Zentrale so nutzt, wie sie ist, findet im OpenCCU-Weg die stabilste und kostengünstigste Lösung. Die Community-Version deckt alle etablierten Anwendungsfälle ab, wird kontinuierlich weiterentwickelt und schont die bestehende Hardware-Investition. Für Herrn Wehrmann mit seinen 47 Geräten und der einfachen Nutzung von Heizungssteuerung, Fensterkontakten und Rollläden ist OpenCCU die naheliegende Wahl.
Wer den Homematic-Kosmos um eine PV-Anlage, ein Elektroauto, eine Wärmepumpe oder eine Batteriespeicher-Anwendung erweitern will und die EEBUS-Kompatibilität der neuen Home Control Unit für die Energiesteuerung nutzen möchte, findet in der offiziellen Nachfolger-Zentrale den funktional passenden Umstieg. Die 279 Euro Anschaffung amortisieren sich über die energieoptimierte Steuerung von Wallbox und Wärmepumpe innerhalb weniger Jahre, wenn die Anlage entsprechend groß ist.
Wer das Homematic-System als eines von mehreren Smart-Home-Sub-Systemen betreibt und eine übergeordnete Plattform sucht, die Homematic, Zigbee, Matter, Thread und diverse Sprachassistenten unter einem Dach vereint, findet in Home Assistant mit Homematic-Anbindung den strategisch tragfähigsten Weg. Der initiale Aufwand ist höher, die Lernkurve steiler, aber die Flexibilität und Zukunftsfähigkeit rechtfertigt die Investition für Nutzer, die aktiv am eigenen System arbeiten wollen.
Die stille Realität: OpenCCU-Erfahrungen aus der Praxis
Ein Blick in das GitHub-Issue-Tracker der OpenCCU-Community zeigt eine erwartbare Mischung aus geglückter Migration und punktuellen Problemen. Ein Nutzer namens Michael Schefczyk hat im April 2026 ein Issue gemeldet, in dem seine CCU3 nach dem Update auf Version 3.87.6.20260404 gecrasht ist. Das Problem wurde innerhalb weniger Tage identifiziert und gelöst, das Issue Anfang Mai geschlossen. Diese Reaktionszeit ist ein Indikator für die Aktivität der Community und zeigt, dass die Wartung auch nach dem eQ-3-Rückzug funktioniert.
Die typischen Migrationsfehler stammen selten von OpenCCU selbst, sondern von veralteten Hardware-Konfigurationen, unpassenden SD-Karten oder falsch angewendeten Backup-Verfahren. Wer die offizielle Dokumentation befolgt, ein sauberes Backup anlegt und die Hardware-Anforderungen einhält, hat eine sehr hohe Erfolgsquote. Die Community-Dokumentation beschreibt auch die Migration von RaspberryMatic, einem verwandten Community-Projekt, das früher parallel entwickelt wurde und heute in OpenCCU aufgeht.
Die eigentliche Herausforderung ist nicht technisch, sondern psychologisch. Viele Bestandsnutzer haben ihre CCU3 vor Jahren einmalig eingerichtet und arbeiten seither passiv damit. Der aktive Umstieg auf ein neues Betriebssystem oder eine neue Zentrale erfordert Aufmerksamkeit, die viele nicht mehr investieren wollen. Für diese Nutzergruppe ist die Home Control Unit mit ihrer automatischen Migration attraktiv, weil sie den geringsten Handlungsdruck erzeugt. Für die technisch interessierten Nutzer ist OpenCCU die klar bessere Wahl, weil sie mehr Kontrolle und langfristige Freiheit bietet.
Was Herrn Wehrmann in Nürnberg schließlich entschieden hat
Herr Wehrmann hat sich nach ausführlicher Recherche für den Verbleib auf der CCU3 mit späterem Umstieg auf OpenCCU entschieden. Der ausschlaggebende Grund war, dass seine bestehende Konfiguration mit den 47 Geräten präzise auf seine Nutzung abgestimmt ist und ein Wechsel auf die Home Control Unit selbst mit automatischer Migration einige manuelle Nacharbeiten erfordert hätte. Er hat im Mai 2026 präventiv OpenCCU auf der bestehenden CCU3 installiert, das Backup der eQ-3-Firmware wiederhergestellt und den Betrieb umgeschaltet. Die drei Wochen seither zeigen keinen Unterschied im Alltag, die Community-Updates kommen regelmäßig, und Herr Wehrmann fühlt sich für den Zeitpunkt gerüstet, an dem die offizielle eQ-3-Wartung 2027 ausläuft.
Die 279 Euro für die Home Control Unit hat er sich für den späteren Erwerb eines Balkonkraftwerks vorgemerkt, wo die EEBUS-Anbindung tatsächlich einen konkreten Mehrwert liefern würde. Für die Heizungs- und Rollladensteuerung, die den Kern seines Homematic-Systems ausmacht, ist OpenCCU die technisch und wirtschaftlich sinnvolle Lösung geblieben. Die Erkenntnis, die aus seiner Entscheidung folgt, ist: Der eQ-3-Rückzug aus der CCU3-Weiterentwicklung ist kein Notfall, sondern eine geplante Übergabe, für die es funktionierende Antworten gibt. Wer sich Zeit nimmt und die Community-Realität prüft, muss nicht in Hektik verfallen und keine überflüssigen Neukäufe tätigen.
Häufige Fragen
Kann ich alle Homematic-Geräte weiter nutzen, wenn ich auf OpenCCU umsteige?Ja, OpenCCU ist zu 100 Prozent kompatibel mit der offiziellen eQ-3-CCU3-Firmware. Alle klassischen Homematic-Geräte, alle Homematic-IP-Geräte, alle bestehenden Zeitpläne, Verknüpfungen und Skripte funktionieren nach dem Wechsel unverändert. Die Migration ist über ein Backup-Restore-Verfahren transparent, und im Alltag ist der Unterschied zu einer offiziellen eQ-3-Firmware nur an der geänderten Versionsnummer erkennbar.
Wird eQ-3 wirklich 2027 die CCU3-Wartung einstellen?Die Pressemitteilung vom Juli 2025 spricht von einer schrittweisen Übergabe. Bis Ende 2026 werden neue Homematic-IP-Produkte in die offizielle CCU3-Firmware integriert. Ab 2027 gibt eQ-3 die Weiterentwicklung an die Community ab. Ob es kritische Sicherheitsupdates oder Fehlerbehebungen von eQ-3 auch nach 2027 noch geben wird, hat der Hersteller nicht explizit ausgeschlossen, aber auch nicht zugesagt. Der Umstieg auf OpenCCU ist die pragmatische Antwort auf diese Unsicherheit.
Kann ich die neue Home Control Unit parallel zur CCU3 betreiben?Ja, aber nicht als produktives Setup. Die beiden Zentralen können im gleichen Netzwerk stehen, sollten aber nicht dieselben Homematic-IP-Geräte verwalten, weil das zu Konflikten in der Gerätekonfiguration führt. Für einen sauberen Übergang wird eQ-3 empfohlen, die Migration in einem Wartungsfenster durchzuführen und die alte Zentrale nach erfolgreichem Umstieg zu deaktivieren.
Was passiert mit den klassischen Homematic-Geräten in der Home Control Unit?Klassische Homematic-Geräte, die mit BidCoS-Funkprotokoll arbeiten und nicht Homematic IP sind, werden von der Home Control Unit unterschiedlich gut unterstützt. Für viele ältere Sensoren und Aktoren gibt es Plugin-Unterstützung, aber die Integration ist weniger komfortabel als für native Homematic-IP-Geräte. Wer viele klassische Homematic-Geräte hat, findet in OpenCCU die bessere Lösung, weil das Community-System weiterhin die volle Kompatibilität zur klassischen Funkbrücke behält.
Muss ich die Homematic-IP-Cloud nutzen, wenn ich OpenCCU einsetze?Nein, OpenCCU arbeitet lokal und benötigt keine Cloud-Verbindung für die Basisfunktionen. Sie können OpenCCU komplett offline betreiben, wenn Sie auf die App-Steuerung und den Fernzugriff verzichten. Für Fernzugriff bietet OpenCCU integrierte Tailscale-Unterstützung, was einen VPN-Tunnel zur Fritzbox oder einem eigenen Server aufbaut und die Cloud-Nutzung überflüssig macht. Wer die Homematic-IP-App weiter nutzen will, kann auch das mit einer separaten Konfiguration realisieren.