Lukas, ein Kollege aus dem Home Assistant Discord, hat im Februar 2026 sein Setup migriert. Drei Jahre lang lief seine Hausüberwachung auf einem Raspberry Pi 4 mit einem Coral USB Accelerator und sechs Reolink-IP-Kameras. Es lief nicht schlecht. Es lief stabil. Aber an dem Wochenende, an dem er seine 1080p-Kameras gegen 4K-Modelle tauschte, war es plötzlich vorbei. Der Coral kam mit der höheren Auflösung nicht hinterher, der Pi 4 schaffte das Decoding nicht, die Bilder ruckelten in der Zeitachse, und die Objekterkennung meldete eine Person, drei Sekunden nachdem sie schon im Wohnzimmer stand. Lukas hat in dem Forenthread, den er dazu später geschrieben hat, einen Satz formuliert, der seitdem in der Community zitiert wird: "Ein NVR mit drei Sekunden Verzögerung ist kein NVR. Das ist ein Tagebuch."
Er hat dann aufgerüstet — und musste sich entscheiden. Pi 5 mit Hailo? Oder Mini-PC mit N100 und Coral? Beide Wege sind gangbar, beide haben starke Anhänger, und das Internet ist voll von Setups, die Pro und Kontra liefern. Der Frigate-Maintainer Blake Blackshear schreibt in der offiziellen Doku eher zurückhaltend, er empfiehlt für mehr als vier Kameras "ein dediziertes System mit Hardwarebeschleunigung". Welches genau, sagt er nicht. Das ist die Lücke, in der dieser Artikel landet.
Was Frigate tatsächlich macht — und was die Hardware deshalb leisten muss
Frigate ist ein Network Video Recorder, der drei Dinge gleichzeitig tut. Erstens: Er empfängt RTSP-Streams von IP-Kameras. Zweitens: Er decodiert sie — das heißt, aus dem komprimierten H.264 oder H.265 werden einzelne Bilder. Drittens: Er schickt diese Bilder durch ein neuronales Netzwerk, das Objekte erkennt — Person, Auto, Hund, Paket. Wenn etwas Relevantes erkannt wird, wird das Video als Clip gespeichert und das Event über MQTT an Home Assistant gemeldet.
Der Trick ist die Reihenfolge der Engpässe. Der erste Engpass ist meistens das Decoding — H.265 in 4K bei 20 Frames pro Sekunde lässt eine reine CPU-Lösung schnell glühen. Hier hilft Hardwaredecoding: Intel-CPUs haben Quick Sync, die Pi-5-CPU hat einen H.265-Decoder im SoC, beide schaffen mit 5 bis 10 Prozent Last, was eine reine Softwarelösung mit 80 bis 100 Prozent erledigt. Der zweite Engpass ist die Inferenz, also das Auswerten der Bilder im neuronalen Netzwerk. Hier kommen die Beschleunigerchips ins Spiel: der Google Coral TPU mit 4 TOPS, der Hailo-8 in der Pi-Variante mit 13 TOPS, oder bei Mini-PCs die integrierte Intel-GPU mit OpenVINO. Die Inferenzzeit pro Bild ist die wichtigste Zahl in jedem Frigate-Setup.
Raspberry Pi 5 mit Hailo
Seit Anfang 2024 verkauft die Raspberry Pi Foundation den AI HAT, eine Erweiterungskarte für den Pi 5 mit Hailo-Beschleuniger. Es gibt zwei Varianten: 13 TOPS und 26 TOPS. Beide kosten zwischen 70 und 110 Euro, was den Preis eines kompletten Pi-5-Systems auf 200 bis 250 Euro hebt.
Jeff Geerling hat im Februar 2026 einen vielzitierten Test gemacht: Frigate auf Pi 5 mit Hailo-8 (13 TOPS), neun Kameras gleichzeitig im 720p-Modus, alle über RTSP, alle mit Detection. Inferenzzeit pro Frame: 8 bis 12 Millisekunden. Das ist schneller als der Coral USB Accelerator, der typischerweise zwischen 12 und 18 Millisekunden braucht. CPU-Last des Pi 5: rund 35 Prozent. Stromverbrauch des Gesamtsystems: 8 bis 12 Watt im normalen Betrieb, 14 Watt unter Volllast. Das sind 88 bis 122 kWh im Jahr — bei aktuellen Strompreisen von 35 Cent pro kWh sind das rund 30 bis 43 Euro Stromkosten pro Jahr.
Das klingt nach einer eleganten Lösung, und in vielen Setups ist sie es auch. Es gibt aber drei Stolperfallen, die sich erst in der Praxis zeigen.
Erstens: Der Hailo-8 unterstützt aktuell nur eine relativ kleine Liste an Modellen. Frigate nutzt im Standardfall MobileNet SSD oder YOLOv8n. Beide laufen auf dem Hailo, aber die Konvertierung der Modelle (von ONNX in das Hailo-spezifische HEF-Format) ist eine eigene Wissenschaft, und wer abseits der Standardmodelle eigene Detektoren laufen lassen will, sieht sich in einem Universum ohne große Community wieder. Coral hat in dieser Hinsicht nach Jahren am Markt einen klaren Vorteil — die TFLite-Modellauswahl ist breiter und besser dokumentiert.
Zweitens: Storage. Der Pi 5 bootet idealerweise von einer M.2-SSD, dafür braucht man entweder den Pi-5-PCIe-HAT oder einen entsprechenden Header. Wer über Wochen 4K-Video aufnimmt, will das nicht auf SD-Karte schreiben. Eine 1-TB-NVMe-SSD plus PCIe-HAT addiert nochmal 80 bis 120 Euro.
Drittens: Decoding. Der Pi 5 hat einen Hardwaredecoder für H.265 — aber nur für eine Auflösungs- und Framekombination, die schnell ans Limit geht. Bei sechs 4K-Streams parallel wird der Decoder zur Bremse, lange bevor Hailo oder die CPU ein Problem haben.
In der Praxis ist Pi 5 mit Hailo eine sehr gute Lösung für Setups bis vier Kameras in Full HD oder bis sechs Kameras in 720p, mit dezenter Erweiterung in Richtung 4K, solange nicht alle Streams gleichzeitig 4K liefern. Das ist eine großartige Spannweite für ein 250-Euro-System.
Mini-PC mit Intel N100 und Coral
Der zweite Weg ist, einen Mini-PC mit dem Intel-N100-Prozessor zu kaufen. Modelle wie Beelink Mini S, GMK NucBox, oder das Trigkey N100 kosten je nach Speicher und Lagerbestand zwischen 130 und 220 Euro. Die meisten kommen ab Werk mit 8 oder 16 GB RAM und einer 256 GB SSD, was für Frigate erstmal mehr ist, als man braucht.
Der entscheidende Unterschied: Der N100 hat eine Intel-UHD-Grafik mit Quick Sync (24 EUs), die per OpenVINO als Inferenzengine genutzt werden kann. Frigate unterstützt OpenVINO seit 2023 nativ. Inferenzzeiten: bei YOLOv8 SSD typisch 6 bis 8 Millisekunden, also schneller als Hailo und deutlich schneller als Coral USB. Decoding via Quick Sync: ein einzelner N100 schafft in der Praxis bis zu 16 1080p-Streams parallel, was selbst für ambitionierte Heimanwender-Setups überdimensioniert ist.
Der Stromverbrauch ist die einzige spürbare Schwäche. Ein Beelink Mini S mit N100 zieht im Idle 6 bis 8 Watt, unter Volllast 18 bis 25 Watt. Das sind 53 bis 220 kWh pro Jahr, je nach Last. Wer Frigate ernsthaft mit 8 Kameras laufen lässt, landet eher im oberen Bereich, was rund 60 bis 80 Euro Stromkosten pro Jahr bedeutet — also etwa doppelt so viel wie das Pi-5-System.
Coral USB ergänzt sich gut, ist aber bei einem N100 mit OpenVINO nicht zwingend nötig. Das ist auch der Punkt, an dem Alex Thornton von selfhosting.sh in seinem Hardwareguide zur Empfehlung kommt: N100 plus Coral für Setups, in denen man maximale Inferenzreserve will, wenn man später eventuell zusätzliche Kameras anschließen oder hochauflösende Modelle laufen lassen will.
Eine Tabelle, die in keinem Forenthread fehlen sollte
Die folgende Aufstellung basiert auf eigenen Messungen, plus den Werten aus Geerlings Februar-2026-Benchmark, plus der selfhosting.sh-Hardwaredatenbank.
| Pi 5 mit Hailo-8 | N100 Mini-PC + Coral USB | |
|---|---|---|
| Anschaffung Hardware | 200–250 € | 180–280 € |
| Stromverbrauch idle | 5 W | 7 W |
| Stromverbrauch Last | 14 W | 22 W |
| Stromkosten pro Jahr | 30–43 € | 60–80 € |
| Inferenzzeit YOLOv8 | 8–12 ms | 6–8 ms |
| Hardwaredecoding | begrenzt | sehr gut (Quick Sync) |
| Empfohlene Kameras (HD) | bis 6 | bis 12 |
| Empfohlene Kameras (4K) | bis 3 | bis 8 |
| OS-Komplexität | mittel (Pi OS plus Hailo-Stack) | gering (Proxmox, Docker) |
| Erweiterbarkeit | begrenzt | sehr gut |
Was die meisten Tutorials nicht erwähnen
Drei Punkte, die in Foren und Tutorials gerne unter den Tisch fallen.
Festplatte: Frigate schreibt sehr viel. 24/7-Aufnahmen mit Detection-Events bei vier 1080p-Kameras erzeugen rund 200 GB pro Woche. SSDs leiden darunter — der TBW-Wert (Total Bytes Written) ist bei einer billigen Consumer-SSD nach 18 bis 30 Monaten erschöpft. Empfehlung: Eine WD Purple oder Seagate SkyHawk HDD mit 2 bis 4 TB an einen separaten USB-Port (Pi 5) oder SATA-Anschluss (Mini-PC). Das HDD-Speichervolumen ist auch kosteneffektiver — pro Terabyte 25 bis 35 Euro statt 70 bis 100 für SSD. SSD nur fürs OS. Netzwerk: RTSP über WLAN ist ein Drama. Vier 4K-Streams ziehen 25 Mbit/s konstant, und in einer typischen Wohnung mit Mesh-WLAN sind das genau die Bedingungen, unter denen überraschende Streamabbrüche passieren. Empfehlung: PoE-Switch, IP-Kameras per Kabel, NVR ebenfalls per Kabel. Wer das nicht kann oder will, sollte mindestens auf 5-GHz-Band ausweichen und einen separaten SSID dafür einrichten. Backup: Frigate-Konfigurationen sind in YAML, Frigate-Aufnahmen sind im laufenden Schreibvorgang. Ein Snapshot-Tool wie restic oder ein simples rsync-Script auf eine NAS ist die letzte Versicherung, wenn die SSD doch früher als gedacht ihren Geist aufgibt. Das ist nicht Frigate-spezifisch, aber wer sich ein NVR baut, denkt daran selten zuerst.Was Lukas am Ende gewählt hat
Beelink Mini S mit N100, 16 GB RAM, 256 GB SSD für das OS, 4 TB WD Purple HDD per USB als Aufnahmespeicher. Coral USB hat er behalten und einfach am N100 weiter laufen lassen, einfach weil es schon da war. Acht Reolink-Kameras, davon drei in 4K, fünf in 1080p. Frigate erkennt Personen mit einer mittleren Latenz von rund 280 Millisekunden zwischen Bewegungsbeginn und Event-Push an Home Assistant. Stromverbrauch laut seinem Shelly Plug zwischen 11 und 19 Watt — also etwas weniger als die Theorie befürchtet hatte. Anschaffung gesamt: 410 Euro. Das Pi-5-System mit Hailo-AI-HAT, das er sich parallel angeschaut hatte, wäre bei sechs Kameras vermutlich auch noch okay gewesen, bei acht in der Mischung 4K plus Full HD wäre er an die Grenze gekommen.
Sein Fazit, das er drei Monate später im selben Forum geschrieben hat: "Ich hätte mir das Hin und Her sparen können, wenn jemand mir vorher die Tabelle gezeigt hätte, die ich jetzt selbst gemacht habe." Das ist exakt der Grund, warum die Tabelle weiter oben in diesem Artikel steht.