Jeder, der ein Balkonkraftwerk betreibt, kommt früher oder später zur selben Erkenntnis: Die ersten 600 Watt Solar sind ein nettes Hobby, ab dem Moment, wo ein Speicher dazukommt, wird es ernst. Plötzlich entscheidet die Software darüber, wie viel Geld pro Tag in der eigenen Tasche bleibt. Strom, der für 32 Cent gekauft und für 4 Cent eingespeist würde, soll lieber im Speicher landen. Strom, der nachts billig ist (Tibber, awattar), soll lieber den Speicher füllen als am Mittag bei 0 Cent Vergütung ins Netz verpuffen. Das ist exakt das Spielfeld, auf dem Home Assistant glänzen kann, und genau deshalb fragen sich immer mehr Käufer vor dem Speicher-Kauf nicht nur "wie viel kWh kostet das?", sondern "lässt sich das Ding in HA einbinden, oder bin ich auf die Hersteller-App angewiesen?".

Die Antwort hängt vom Hersteller ab, und sie ist ernüchternder, als die Marketing-Folien suggerieren. In diesem Artikel sortieren wir die wichtigsten Speicher-Marken nach ihrer HA-Integrierbarkeit, schauen uns die echten Datenflüsse an, und am Ende gibt es eine ehrliche Empfehlung, welches Gerät 2026 als HA-First-Käufer Sinn ergibt.

Die drei Integrationspfade, die es gibt

Bevor wir zu Marken kommen, drei technische Ebenen, die du verstehen musst.

Cloud-API. Der Speicher schickt seine Daten an einen Hersteller-Server. Home Assistant ruft den Server ab. Latenz: 30 Sekunden bis 5 Minuten. Internet-Pflicht. Wenn der Hersteller den Server abschaltet oder die API ändert, ist deine Integration tot. Lokale MQTT-Verbindung. Der Speicher veröffentlicht seine Daten direkt auf einem MQTT-Broker im Heimnetz. Home Assistant abonniert. Latenz: unter 1 Sekunde. Keine Internet-Abhängigkeit. Wenn der Hersteller pleite geht, läuft alles weiter. Lokales TCP/Modbus. Der Speicher hat eine offene Schnittstelle für Industrieprotokolle. HA spricht direkt mit dem Gerät. Beste Lösung, aber selten bei Consumer-Speichern.

Was bedeuten die drei Pfade praktisch? Wer einen Cloud-only Speicher hat, kann zwar die Daten visualisieren, aber kein zeitkritisches Last-Management bauen. Beispiel: Du willst die Waschmaschine starten, sobald 600 Watt Überschuss verfügbar sind, und stoppen, sobald der Bezug zurückkommt. Mit Cloud-API-Updates alle 60 Sekunden hast du Risiko, dass die Maschine beim einsetzenden Nachbar-Wolken-Schatten weiter aus dem Netz zieht, bevor HA reagiert. Mit lokaler MQTT-Verbindung passiert das nicht.

Die fünf relevanten Marken 2026

Es gibt heute fünf Hersteller, die in Deutschland nennenswert verkauft werden. Ich gehe sie der Reihe nach durch.

Marstek Venus / Jupiter

Der Holländer (genauer: niederländisch-chinesisches Joint Venture) hat seit Anfang 2024 mit der Jupiter-Reihe und seit Mitte 2024 mit der Venus E 3.0 Mainstream-Marktanteil aufgebaut. Wichtigster Punkt für HA-User: Beide Reihen unterstützen natives MQTT. Du gibst dem Speicher im Setup-Menü die Adresse deines lokalen MQTT-Brokers (etwa Mosquitto, eingerichtet als HA-Addon), und der Speicher publiziert direkt alle Werte als Topics.

Was du in HA bekommst:

  • Ist-Leistung von Solar (Watt)

  • Ist-Leistung in/aus Speicher (Watt)

  • Ladezustand (Prozent)

  • Modus (Auto, Manuell, Force-Charge, Force-Discharge)

  • Temperatur

  • Eingangs- und Ausgangsenergie pro Tag

Was du senden kannst:
  • Modus-Umschaltung

  • Lade-/Entladeleistung als Sollwert

  • Aktivieren oder Deaktivieren des Speichers

Marstek Venus E 3.0 hat 5,12 kWh Kapazität für etwa 999 Euro. Das ergibt rund 195 Euro pro Kilowattstunde, was 2026 sehr fair ist. Aufrüstbar auf 10 kWh durch zweite Einheit.

Verdict: Aktuell das HA-freundlichste Komplettsystem. Wer heute neu kauft und Home Assistant ernst nimmt, ist mit Marstek meiner Erfahrung nach am besten bedient.

Anker SOLIX

Anker hat 2023 und 2024 den Markt geöffnet, gilt vielen als Komfort-Marktführer, ist aber für HA-User mit einem klaren Caveat verbunden: Es gibt keinen lokalen MQTT-Ausgang. Alle Daten fließen über die Anker Power Cloud.

Die HA-Integration heißt ha-anker-solix (von Thomas Luther, frei verfügbar auf GitHub) und nutzt die Anker-Cloud-API plus optional einen Anker-MQTT-Server (auch in der Cloud). Update-Frequenz: typisch alle 60 Sekunden. Das reicht für die Dashboard-Visualisierung im Energy-Dashboard, ist aber für zeitkritisches Last-Management nicht ideal.

Unterstützte Geräte (Stand Anfang 2026):

  • Solarbank E1600 (1,6 kWh)

  • Solarbank 2 E1600 (1,6 kWh, verbesserte Version)

  • Solarbank 3 E2700 (2,7 kWh)

  • Solarbank 3 Pro (modular bis 16 kWh, AI-Steuerung)

  • MI80 Mikro-Wechselrichter

  • Anker Smart Meter

Verdict: Gute Marke, hochwertige Hardware, beliebte Produkte. Aber Cloud-First. Wer Home Assistant für ernsthaftes Energy-Management nutzen will, ist hier eingeschränkt. Wer "nur" das Dashboard visualisieren will, kommt damit klar.

Zendure SolarFlow

Zendure hat 2024 mit dem SolarFlow 2400 Pro einen modularen Speicher gebracht (bidirektionaler Wechselrichter, satellite-erweiterbar bis 16,8 kWh) und mit dem 2400 AC eine günstigere Variante. Bei der HA-Integration ist die Situation hybrid: Es gibt eine Cloud-API, und es gibt ein lokales HTTP-Interface, das aber nicht offiziell dokumentiert ist. Eine Community-Integration läuft, aber sie ist deutlich brüchiger als die Marstek-MQTT-Lösung.

Hauptpreis: SolarFlow 2400 Pro etwa 949 Euro (ohne Speicherbatterien). Mit 1,92 kWh AB1000-Batterie kommt der Gesamtpreis auf etwa 1.350 Euro. Pro kWh teurer als Marstek.

Verdict: Hardware-technisch innovativ (modulare Erweiterung), HA-Integration aber bricht ab und zu, weil Zendure die API ohne Vorwarnung ändert. Für Bastler okay, für Plug-and-Play nicht ideal.

EcoFlow STREAM Ultra

EcoFlow ist 2025 mit der STREAM-Reihe in den Balkonkraftwerk-Markt eingestiegen. Die HA-Integration funktioniert über die offizielle EcoFlow-Cloud-API plus eine Community-Integration für lokales BLE (Bluetooth) für bestimmte Modelle.

Die offizielle Cloud hat eine REST-API, die alle 30 Sekunden Daten liefert. Lokales BLE ist schneller (Sekunden-Latenz), aber nicht für alle Daten verfügbar.

Verdict: Funktioniert, aber wieder Cloud-Schwerpunkt. EcoFlow-Geräte sind technisch sehr robust, oft die teuerste Variante.

Solakon, Greenakku und kleinere Marken

Diverse deutsche Marken (Solakon, Greenakku, Plenti) bauen entweder Speicher-Boxen mit eigener Steuerung oder weiterverkaufen White-Label-Hardware. HA-Integration ist meist gar nicht vorhanden oder nur über Workarounds (Shelly-Smart-Meter als externer Strommesser, daraus berechnete Werte). Wer eine HA-Lösung will, sollte Marken ohne dokumentierte Integration meiden.

Vergleichstabelle: Was geht, was geht nicht

HerstellerLokales MQTTCloud-APILatenzHA-Stabilität
Marstek Venus E/JupiterJa, nativoptional<1shoch
Anker SOLIXneinja30-60smittel
Zendure SolarFlownicht offiziellja5-30swechselhaft
EcoFlow STREAMneinja, plus BLE5-30smittel
Solakon u.a.meist neinmeist neinn/aunbrauchbar

Praktisches HA-Setup mit Marstek

Wer einen Marstek-Speicher hat, geht so vor (kurzgefasst).

  1. Mosquitto-MQTT-Broker als HA-Addon installieren. Standard-Port 1883, Username und Password setzen.
  2. Im Marstek-Menü (auf dem Display oder in der Marstek-App) MQTT aktivieren. Adresse und Login eingeben.
  3. In HA via Konfiguration > Integrationen > MQTT bestätigen, dass der Broker läuft.
  4. Marstek meldet sich nach wenigen Sekunden mit allen Topics. Auto-Discovery erzeugt die Entities automatisch.
  5. Im Energy-Dashboard die Marstek-Entities als Solarproduktion, Speicher-Eintrag und Speicher-Austrag zuordnen.
Das war es. Keine Cloud, keine Custom-Integration, keine YAML-Files. Die HA-Erfahrung ist hier so smooth wie ein offizielles First-Party-Integration.

Eine erste Last-Verschiebungs-Automation kann so aussehen:

automation:
  - alias: "Waschmaschine bei Solarüberschuss starten"
    trigger:
      - platform: numeric_state
        entity_id: sensor.marstek_solar_power
        above: 800
        for: "00:02:00"
    condition:
      - condition: state
        entity_id: input_boolean.waschmaschine_ready
        state: "on"
    action:
      - service: switch.turn_on
        target:
          entity_id: switch.waschmaschine_smartplug

Diese Automation wartet, bis 2 Minuten lang über 800 Watt Solar laufen, prüft den Bereitschafts-Schalter und schaltet die Wasch-maschine ein. Sehr einfacher, sehr robuster Workflow, der mit lokaler MQTT-Latenz unter 1 Sekunde funktioniert.

Anker SOLIX einbinden, wenn du den schon hast

Du hast einen Anker-Speicher und willst trotzdem HA nutzen? Geht, ist nur weniger elegant.

  1. HACS (Home Assistant Community Store) installieren, falls nicht vorhanden.
  2. Repository thomluther/ha-anker-solix als Custom Repository hinzufügen.
  3. Anker-Cloud-Account verknüpfen (E-Mail und Passwort).
  4. Entities werden erzeugt, Update-Intervall ist standardmäßig 60 Sekunden.
  5. Für schnellere Updates: Anker MQTT-Server-Endpunkt nutzen (optional einrichtbar).
Was du nicht bekommen wirst: Echte Echtzeit-Last-Steuerung. Die 60-Sekunden-Latenz reicht für Dashboard und langsame Automationen (Tagestrend, Tarifoptimierung), aber nicht für Sekunden-genaue Lastverlagerung.

Workaround für zeitkritische Anwendungen: Setze einen eigenständigen Smart-Meter (Shelly 3EM oder ähnlich) am Hausanschluss. Dieser misst lokal in Echtzeit und ist die "Ground Truth" für deine Automations. Anker-Werte aus der Cloud dienen dann nur zur Visualisierung.

Die Tibber-Verbindung: Dynamische Tarife plus Speicher

Das wirklich Interessante an HA plus Speicher kommt erst zustande, wenn du dynamische Stromtarife dazumischt. Tibber, awattar, Octopus, Voltego, Rabot Energy: Alle haben Stunden-genaue Preise. Mit HA lässt sich der Speicher so steuern, dass er in der billigsten Stunde der Nacht geladen und in den teuren Mittagsstunden entladen wird.

Eine sinnvolle Logik:

  • Wenn morgen-Tagesprognose der Strompreis unter 15 Cent: Force-Charge in der billigsten Stunde
  • Wenn aktueller Preis über 35 Cent und Hausverbrauch positiv: Force-Discharge
  • Wenn Solarüberschuss: normal in Speicher laden (Standard-Modus)
Diese Drei-Regel-Logik kannst du in HA komplett bauen, vorausgesetzt der Speicher hat eine ansprechbare MQTT-Schnittstelle (Marstek ja, Anker schwierig). Die Tibber-Integration in HA ist offiziell und bietet die Preisdaten als Sensor.

Tipp: Setze einen Sicherheits-Schwellenwert auf 20 Prozent SOC (State of Charge), unter den der Speicher nicht entladen wird. Sonst riskierst du, im Winter bei Wolkenwetter den Speicher leer zu fahren und am Abend kein eigenes Backup zu haben.

Was vor dem Kauf wirklich entscheidet

Drei Fragen, die du beantworten solltest.

Frage 1: Wie wichtig ist mir echtes Last-Management? Wenn du HA als reines Dashboard willst (Solarproduktion sehen, Speicher-Stand visualisieren), reicht Cloud-API mit 30-60 Sekunden Latenz. Anker SOLIX ist hier komfortabel. Wenn du Lasten zeitkritisch steuern willst (Waschmaschine, Wallbox, Wärmepumpe), brauchst du lokale Daten. Marstek ist hier deutlich überlegen. Frage 2: Wie viel Kapazität brauche ich? Faustregel: Tagesverbrauch durch 3 = sinnvolle Speichergröße. Ein Single-Haushalt mit 5 kWh Tagesverbrauch ist mit 1,6 bis 2,5 kWh Speicher gut bedient. Eine Familie mit 12 kWh Tagesverbrauch sollte 4 bis 6 kWh ansetzen. Wer mehr will, sollte über echte Hausspeicher nachdenken (BYD HVS, Sungrow SBR), die haben andere Konzepte. Frage 3: Will ich modular wachsen? Wer mit kleinem Setup starten und später erweitern will, ist mit modularen Systemen (Zendure SolarFlow, Anker Solarbank 3 Pro, Marstek mit zweitem Modul) besser bedient. Die einmaligen Anschaffungskosten sind höher, aber das Wachsen ist günstiger als ein kompletter Tausch.

Meine ehrliche Empfehlung für HA-Erstkäufer 2026

Wer heute neu kauft und Home Assistant als Steuerungs-Backbone nutzen will:

Bester Allrounder mit echtem MQTT: Marstek Venus E 3.0 mit 5,12 kWh. 999 Euro, nativ MQTT, im HA gut einzubinden, fairer Preis pro kWh, modular erweiterbar. Bei kleinem Budget (unter 600 Euro): Marstek Jupiter mit 2,5 kWh oder die kleinen Anker Solarbank-Varianten. Bei Anker bewusst Komfort über Steuerbarkeit gewählt. Wenn dynamische Tarife genutzt werden: Zwingend Marstek oder vergleichbar offene Lösung. Cloud-Speicher wie Anker oder EcoFlow bremsen das Energie-Arbitrage zu sehr aus. Wenn du Bastler bist und Hardware-Experimente liebst: Zendure SolarFlow mit BLE-Hack oder selbstgebaute Lösung mit OpenInverter und externem BMS. Hier liegt die maximale Flexibilität, aber auch der höchste Initialaufwand.

Eine kurze Schlussbemerkung

Die Balkonkraftwerk-Speicher-Branche entwickelt sich rasend schnell. Was 2024 noch State-of-the-Art war, ist 2026 oft schon ein Auslaufmodell. Das gilt besonders für die Software-Seite, wo Marstek mit MQTT einen Vorsprung hat, den die Konkurrenz noch einholen muss. Die nächsten zwei Jahre werden zeigen, ob Anker und andere Cloud-Hersteller endlich lokale Schnittstellen freigeben oder ob sie weiter darauf wetten, dass die Mehrheit der Käufer kein Home Assistant betreibt.

Für jetzt gilt: Wer HA als ernsthaftes Steuerwerkzeug nutzen will, wählt mit offenen Augen einen Speicher, der das auch zulässt. Das Geld, das du in einen geschlossenen Hersteller steckst, ist langfristig schlechter angelegt als zwei Tage Tüfteln mit einem offenen System.

Quellen und Weiterführendes

  • GitHub: thomluther/ha-anker-solix (Anker SOLIX HA-Integration)
  • Marstek Venus E 3.0 Bedienungsanleitung, MQTT-Konfiguration
  • Anker SOLIX DE Blog: Home Assistant Integration (offizieller Guide)
  • heise online, Top 10 Speicher für Balkonkraftwerk Test
  • EnergieMagazin, Top 13 Balkonkraftwerk-Speicher im Test
  • minimini Power, MQTT-Vergleich Balkonkraftwerk-Speicher
  • Home Assistant Tibber-Integration offizielle Dokumentation