Es gibt einen bestimmten Punkt in der Home-Assistant-Karriere, und ich nenne es bewusst Karriere, weil man da nie wieder rauskommt, an dem du zum ersten Mal ein Dashboard siehst, das jemand auf Reddit gepostet hat. Ein perfekt organisierter Grundriss, farbige Punkte für jede Lampe, Temperaturkurven wie aus einem NASA-Kontrollraum, und alles reagiert auf Fingertipp. Du schaust auf dein eigenes Dashboard, das aussieht wie eine Excel-Tabelle, die einen schlechten Tag hatte, und denkst: Ja. Das will ich auch.

Ich habe dann drei Stunden damit verbracht, YAML zu kopieren, das ich nicht verstand, und am Ende sah mein Dashboard schlechter aus als vorher. Das war vor zwei Jahren. Seitdem habe ich gelernt, und die gute Nachricht: 2026 brauchst du deutlich weniger YAML als damals.

Das Standard-Dashboard: Gut genug für den Start

Seit Home Assistant 2026.2 gibt es ein neues Standard-Dashboard, das den Namen verdient. Es organisiert deine Geräte automatisch nach Bereichen (Areas), zeigt Statusübersichten und gruppiert Lichter, Klima und Sicherheit in logische Abschnitte. Das alte Dashboard, diese endlose Geräteliste, die niemand liebte, ist Geschichte.

Mein Rat: Nutze das Standard-Dashboard mindestens zwei Wochen, bevor du anfängst, es umzubauen. In diesen zwei Wochen lernst du, was du täglich brauchst und was du ignorierst. Das ist die wichtigste Information für ein gutes Dashboard: Was nutzt du wirklich? Alles andere ist Dekoration.

Trotzdem wird der Punkt kommen, an dem du mehr willst. Und dann wird es interessant.

Lovelace: Was du wissen musst

Lovelace ist der Name des Dashboard-Systems in Home Assistant. Seit 2019 das einzige. Jede visuelle Anpassung läuft darüber. Du hast zwei Wege:

Visueller Editor

Du klickst auf "Dashboard bearbeiten", ziehst Karten auf Positionen, konfigurierst per Formular. Für 80 Prozent aller Anpassungen reicht das. Kein YAML, kein Code, kein Risiko.

YAML-Modus

Für komplexere Custom Cards oder wenn der Editor an seine Grenzen stößt. Du wechselst über die drei Punkte → "Raw-Konfigurationseditor" in den YAML-Modus. Alles, was du dort siehst, ist der Code hinter deinem Dashboard. Mach vorher ein Backup der Konfiguration. Kein Scherz.

Seit 2024 gibt es außerdem den Sections View — ein responsives Layout, das Karten automatisch in Spalten anordnet und sich an die Bildschirmbreite anpasst. Auf dem Desktop drei Spalten, auf dem Tablet zwei, auf dem Handy eine. Ohne dass du separate Dashboards für verschiedene Geräte bauen musst. Das ist mittlerweile der empfohlene Weg für neue Dashboards.

Die wichtigsten Karten-Typen

Entity Card

Die simpelste Karte. Zeigt ein Gerät mit aktuellem Status und Toggle zum Ein-/Ausschalten. Für eine einzelne Lampe oder Steckdose.

type: entity
entity: light.wohnzimmer
name: Deckenlampe

Glance Card

Mehrere Geräte kompakt in einer Zeile. Ideal für den schnellen Statusüberblick: Temperaturen aller Räume, Batteriestände der Sensoren, Fensterstatus.

type: glance
entities:
  - entity: sensor.temperatur_wohnzimmer
    name: Wohnzimmer
  - entity: sensor.temperatur_schlafzimmer
    name: Schlafzimmer
  - entity: sensor.temperatur_kueche
    name: Küche

Thermostat Card

Zeigt aktuelle und Zieltemperatur mit grafischem Regler. Farbwechsel: Orange beim Heizen, Blau beim Kühlen. Braucht eine climate-Entität — also einen eingebundenen Tado, Netatmo oder Zigbee-Thermostat.

Media Control Card

Album-Cover, Titel, Play/Pause, Lautstärke. Funktioniert mit Sonos, Spotify, Chromecast und jedem anderen Mediaplayer, den Home Assistant kennt.

Distribution Card (neu seit 2026.2)

Zeigt Verteilungen visuell an — zum Beispiel Energieverbrauch nach Räumen oder Gerätegruppen. Eine der nützlicheren Neuerungen für alle, die ihr Energie-Dashboard ernst nehmen.

Mushroom Cards: Das Upgrade, das jeder verdient

Und jetzt kommen wir zu dem Punkt, an dem dein Dashboard aufhört, wie ein Entwicklertool auszusehen, und anfängt, wie eine App zu wirken.

Mushroom Cards sind Custom Cards von Paul Bottein, installierbar über HACS (Home Assistant Community Store). Über 5.000 GitHub-Stars, die meistgenutzte Custom-Card-Sammlung im gesamten Home-Assistant-Ökosystem. Und sie sind kostenlos. Komplett. Keine Premium-Features, kein Abo.

Was Mushroom anders macht: Runde Karten, große Touch-Targets, konsistente Farbpalette, weiche Animationen. Die Kartenfarbe ändert sich je nach Gerätestatus — eine Lampe leuchtet in ihrer tatsächlichen Farbe, ein Thermostat wechselt zwischen Orange und Blau. Das klingt nach einem kleinen Detail. Es ist der Unterschied zwischen "funktioniert" und "fühlt sich gut an".

Die wichtigsten Mushroom Cards:

Mushroom Light Card

Runde Karte, Lampenname, Helligkeit in Prozent. Tippen schaltet ein/aus. Langes Drücken öffnet Brightness-Slider und Farbrad. Visuelles Feedback sofort.

type: custom:mushroom-light-card
entity: light.stehlampe_wohnzimmer
show_brightness_control: true
show_color_control: true

Mushroom Chips Card

Winzige, runde Buttons in einer Zeile. Jeder Chip zeigt ein Icon und optional Text. "3 Lichter an" als Chip, "22°C draußen" als Chip, "2 Personen zu Hause" als Chip. Maximale Information auf minimalem Platz. Gehört an den Anfang jeder Dashboard-Ansicht.

Mushroom Climate Card

Thermostat mit Temperatur, Modus und farblicher Statusanzeige. Tippen öffnet die Detailsteuerung.

Mushroom Template Card

Die mächtigste Karte. Akzeptiert Jinja2-Templates für jedes visuelle Element. Du kannst eine Karte bauen, die deinen Stromverbrauch in Echtzeit zeigt, mit farbkodiertem Icon (grün unter 1 kW, gelb unter 3 kW, rot darüber). Oder eine Karte, die offene Fenster und Türen zählt und "Alles sicher" in Grün anzeigt, wenn alles zu ist. Oder eine Karte, die den nächsten Kalendereintrag mit verbleibender Zeit zeigt.

Mushroom installieren

HACS → Frontend → Plus-Icon → "Mushroom" suchen → installieren → Browser-Cache leeren. Fünf Minuten. Danach tauchen alle Mushroom-Karten im normalen Card-Picker auf.

HACS installieren: Der Community Store für Home Assistant

Weitere Custom Cards, die sich lohnen

  • Mini Graph Card: Kleine Diagramme direkt im Dashboard. Temperaturverläufe der letzten 24 Stunden, Luftfeuchtigkeit, Stromverbrauch. Kompakt und informativ.
  • Button Card: Extrem konfigurierbare Schaltflächen. Du kannst damit quasi alles bauen, von simplen Buttons bis zu komplexen Statusanzeigen mit bedingter Formatierung.
  • Card Mod: CSS-Anpassungen für jede Karte. Eigene Farben, Abstände, Schatten, Animationen. Ein Feuchtigkeitssensor, der rot pulsiert, wenn die Luftfeuchtigkeit über 70 Prozent steigt? Card Mod.
  • Bubble Card: Relativ neu und populär — bietet eine Bottom-Navigation und Pop-up-Steuerungen, die sich fast wie eine native App anfühlen.

Layout-Strategien: Ordnung im Chaos

Sections View (empfohlen)

Seit 2024 der empfohlene Weg. Du definierst Abschnitte (Sections), jeder mit eigener Überschrift und eigenen Karten. Home Assistant ordnet die Abschnitte automatisch in ein responsives Spalten-Grid ein. Desktop: drei Spalten. Tablet: zwei. Handy: eine. Ohne dass du irgendetwas manuell anpassen musst.

Du kannst Sections sogar bedingt ein- und ausblenden — ein Abschnitt "Medien" erscheint nur, wenn gerade Musik läuft. Das hält das Dashboard sauber.

Horizontal und Vertical Stack

Für feinere Kontrolle: Stacks ordnen Karten nebeneinander (horizontal) oder übereinander (vertical) an. Mit verschachtelten Stacks baust du fast jedes Layout.

type: horizontal-stack
cards:
  - type: custom:mushroom-light-card
    entity: light.kueche
  - type: custom:mushroom-light-card
    entity: light.esszimmer

Grid Card

Exakte Kontrolle über ein Rasterformat. Du legst die Spaltenanzahl fest, Karten füllen das Grid gleichmäßig. Ideal für Räume mit vielen ähnlichen Geräten.

Conditional Card

Zeigt oder versteckt Karten abhängig vom Zustand einer Entität. Die Mediaplayer-Karte erscheint nur, wenn Musik läuft. Der Garagentor-Status nur wenn es offen ist. Das Dashboard zeigt, was gerade relevant ist — nicht alles auf einmal.

Design-Tipps, die funktionieren

Farben nach Räumen

Jede Mushroom Card hat Farboptionen. Mein System: Wohnzimmer immer Amber, Schlafzimmer Blau, Küche Grün, Bad Türkis. Nach einer Woche navigierst du ohne zu lesen. Dein Gehirn erkennt den Raum an der Farbe.

Icons richtig nutzen

Home Assistant nutzt Material Design Icons (MDI). Jede Entität kann ein eigenes Icon bekommen. Ein Fenstersensor sollte mdi:window-open-variant sein, nicht das generische Fragezeichen. Ein Bewegungsmelder mdi:motion-sensor, ein Türsensor mdi:door-open. Investiere zehn Minuten in sinnvolle Icons — es macht einen überraschend großen Unterschied.

Themes

HACS bietet Dutzende Themes. Beliebt:

  • Catppuccin: Pastellfarben, sanft, aktuell der Liebling der Community

  • Noctis: Tiefes Dunkelblau, elegant

  • iOS Dark Mode: Dem iPhone nachempfunden

  • Mushroom Shadow: Speziell für Mushroom Cards optimiert

Ein Theme aktivierst du in deinem Profil (unten links). Es gilt nur für deinen Account.

Mobile vs. Desktop

Der Sections View macht separate Mobile- und Desktop-Dashboards meistens überflüssig. Trotzdem: In der Companion App kannst du unter Einstellungen ein spezifisches Dashboard als Standard festlegen. Für ein Wandtablet lohnt sich ein eigenes Dashboard im Panel-Modus — eine einzige Karte füllt den gesamten Bildschirm.

Automatische Dashboard-Generierung: Mushroom Strategy

Bevor du stundenlang an einem manuellen Dashboard bastelst, schau dir die Mushroom Strategy an. Das ist kein Theme, sondern ein automatischer Dashboard-Generator. Du installierst ihn über HACS, und er erstellt dir ein komplettes Dashboard basierend auf deinen Bereichen, Gerätetypen und Entitäten. Alles in Mushroom-Optik, mit Chips, Room-Cards und sinnvoller Gruppierung.

Das Ergebnis sieht aus wie ein handgemachtes Dashboard, braucht aber null manuelle Konfiguration. Jedes Mal wenn du ein neues Gerät einbindest und es einem Bereich zuweist, taucht es automatisch an der richtigen Stelle auf.

Für viele Nutzer ist das die 80-Prozent-Lösung: Das Dashboard sieht gut aus, funktioniert auf allen Bildschirmgrößen und wartungsarm ist es auch. Die restlichen 20 Prozent Feinschliff kannst du manuell nachjustieren, wenn dir etwas nicht passt. Oder du lässt es einfach so. Dein Dashboard muss dich nicht auf Reddit berühmt machen. Es muss dich fünf Sekunden schneller zum Lichtschalter bringen.

Floorplan: Schön, aber aufwendig

Ein Floorplan zeigt deinen Grundriss, und Geräte erscheinen an ihrer tatsächlichen Position. Klick auf die Lampe im Wohnzimmer, sie geht an. Offene Fenster werden rot markiert. Temperaturen schweben neben den Räumen.

Technisch brauchst du:

  • Ein SVG-Bild deines Grundrisses (selbst gezeichnet oder aus einem CAD-Plan)

  • Die picture-elements-Karte in Home Assistant

  • Oder die HACS-Integration "Floorplan"

type: picture-elements
image: /local/grundriss.svg
elements:
  - type: state-icon
    entity: light.wohnzimmer
    style:
      top: 45%
      left: 30%
  - type: state-icon
    entity: binary_sensor.tuersensor_eingang
    style:
      top: 20%
      left: 10%

Der Aufwand ist real. Jeder Sensor wird manuell platziert. Bei jeder Änderung — neuer Sensor, umgestellte Möbel — musst du Positionen anpassen. Lohnt sich für Leute, die täglich aufs Dashboard schauen. Für alle anderen: Mushroom Cards mit Sections View sind 90 Prozent des Nutzens bei 10 Prozent des Aufwands.

Drei Beispiel-Dashboards

Dashboard 1: Minimalist (Einsteiger)

Ein Tab, drei Sections: Beleuchtung, Klima, Sicherheit. Nur Mushroom Cards in einheitlichem Blaugrau. Kein Custom CSS, keine Conditional Cards. Ladezeit unter einer Sekunde. Das Dashboard, das du am ersten Tag baust und das überraschend lange reicht.

Dashboard 2: Funktional mit Tabs (Fortgeschritten)

Fünf Tabs, einer pro Bereich: Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer, Bad, Energie. Im Wohnzimmer-Tab: Mushroom Light Cards, Mini Graph für Temperatur, Media Player. Conditional Cards verstecken, was gerade nicht relevant ist. Der Standard für aktive Nutzer mit 20 bis 50 Geräten.

Dashboard 3: Floorplan (Enthusiast)

Drei Tabs: Übersicht (Grundriss mit allen Geräten), Energie (Verbrauchsgrafiken), Kameras. Kein Scrollen auf der Übersicht — du siehst auf einen Blick, was aktiv ist. Mehrere Stunden Einrichtungsaufwand. Täglicher Aufwand danach: null.

Wo anfangen

Fang mit dem Standard-Dashboard an. Wirklich. Lebe damit, bis du weißt, was dich stört. Dann löse ein Problem auf einmal:

  1. Bereiche sinnvoll benennen (Wohnzimmer, nicht "Area 1")
  2. HACS installieren, Mushroom Cards laden
  3. Die häufigsten Lampen durch Mushroom Light Cards ersetzen
  4. Eine Chips Card an den Anfang mit den wichtigsten Statusinfos
  5. Sections View aktivieren für automatisches responsives Layout
Ein gutes Dashboard entsteht nicht an einem Nachmittag. Es wächst mit dir, so wie der Rest von Home Assistant. Und irgendwann postest du es auf Reddit, jemand fragt "Wie hast du das gemacht?", und du merkst: Du bist der Typ geworden, wegen dem du damals drei Stunden YAML kopiert hast. Der Kreis schließt sich.